Donnerstag, 28. Februar 2013

Pe. Flannery: „Das Schweigen ist ein zu hoher Preis“

Auf die Drohung er werde exkommuniziert, falls er sich weiterhin für die Frauenpriesterweihe einsetze, antwortete der über seine Heimat hinaus bekannte irische Redemptoristenpater Tony FLANNERY am 21. Jänner 2013 mit einem offenen Brief in der Zeitung Irish Times: Vatican's demand for silence is too high a price.

KIRCHE IN dokumentiert den Wortlaut:

Drei Tage nach meinem 66. Geburtstag wurde ich mit der Drohung konfrontiert: ich darf nicht weiter als Priester wirken, werde exkommuniziert und aus dem Redemptoristenorden entlassen. Wie geht es mir in dieser Situation?

Ich trat 1964 in den Redemptoristenorden ein und wurde zehn Jahre später zum Priester geweiht. Das war eine Zeit der großen Offenheit in der römisch-katholischen Kirche. Wir glaubten an die Gedanken- und Gewissensfreiheit und dass die kirchliche Lehre nicht etwas ist, das man den Menschen, denen wir dienen, kaltherzig aufzwingen darf – sie sind intelligent und gebildet, und können für ihr Leben Verantwortung übernehmen.

Als Seelsorger müssen wir versuchen die Botschaft Christi in einer Art und Sprache zu vermitteln, die der Realität ihres Lebens entspricht. Das setzt den Willen voraus, auf das Volk zu hören, ihre Hoffnungen und Freuden, Kämpfe und Ängste zu verstehen.

Den Mensch zu helfen im Spannungsfeld mit der Lehre über die Empfängnis war während der 70er Jahre ein großes Übungsgebiet. Nur die offizielle Linie der Enzyklika Humanae Vitae immer wieder zu wiederholen, war keine Hilfe. Während dieser Jahre lernten Priester und Volk gleichermaßen ein wenig, wie man das Gewissen formt und Entscheidungen über die verschiedenen Gebiete des Lebens trifft. Als Priester lernten wir mehr vom Volk als das Volk von uns.

Im Laufe der Jahre konnten wir aber dann zusehen, wie das Lehramt der Kirche immer mehr zu einem autoritären Stil ihres Dienstes zurückkehrt, so wie sie diesen in der Vergangenheit ausgeübt hatte.

Die Autorität wurde wieder einmal im Vatikan zentralisiert, Priester meiner Generation wurden unter Druck gesetzt, die Lehre der Kirche zu betonen und entschiedener zu verkünden: Orthodoxie hieß nun der Imperativ. Zu erlauben, dass die Menschen selbständig denken, wurde als gefährlich empfunden. Für Grauräume war kein Platz.

Wir erfuhren, dass es überall im Land Menschen gab, die selbst die kleinste Abweichung von der offiziellen Linie eines Priesters, zum Beispiel wenn er einer Frau beim Gottesdienst erlaubte das Evangelium vorzulesen, gemeldet haben. In aller Welt wurden Priester gemaßregelt, zum Schweigen verurteilt und sogar entlassen, weil sie nicht willig waren der Linie zu folgen. Im Herbst 2010 war ich einer von jener kleinen Gruppe, welche die „Vereinigung Katholischer Priester“ (ACP) begründete. Sie war einzigartig, weil sie eine unabhängige Körperschaft der Priesterschaft bildete und eine neue Erscheinung innerhalb der Kirche war, bei der die Autoritäten in Irland und im Vatikan nicht wussten, sie wie mit ihr umgehen sollten. Das Wachstum der Bewegung katapultierte mich in eine führende Position, was die Aufmerksamkeit der Glaubenskongregation (CDF) auf mich lenkte. Ich schrieb zwanzig Jahre Beiträge für verschiedene religiöse Magazine, ohne irgendwelche Probleme. Aber dann plötzlich im Feber 2012 wurde ich von den Vorgesetzten meines Redemptoristenordens informiert, dass ich Schwierigkeiten bekomme wegen einiger Dinge, die ich geschrieben habe. Ich wurde nach Rom eingeladen, nicht vom Vatikan, der bis heute nicht mit mir direkt kommuniziert, sondern vom Ordensoberen der Redemptoristen. Das war der Beginn einer nunmehr ein Jahr andauernden Spannung, von Stress und schwieriger Entscheidungsfindung für mein Leben. Meine Politik war zunächst zu sehen ob irgendein Kompromiss möglich wäre. Im vergangenen Sommer sah es so aus, dass dies der Fall sei. Schritt für Schritt merkte ich aber, dass die Glaubenskongregation den Druck immer mehr verstärkte, bis zu einem Punkt, den ich nicht mehr ignorieren konnte.

Ich war mit einer Wahl konfrontiert. Entweder ich unterschreibe eine öffentliche Erklärung, mit der ich Lehren akzeptiere, die ich nicht akzeptieren kann, oder ich werde für immer von meinem priesterlichen Dienst suspendiert und bekomme möglicherweise noch härtere Strafen. Es ist wichtig zu bemerken, dass sich all das nicht auf grundsätzliche Lehren der Kirche bezog, sondern auf Fragen der Kirchenführung. Nun, in dieser Stunde meines Lebens geht es darum, dass ich entweder meine Unterschrift unter eine Lüge setze und damit meine Integrität und mein Gewissen anfechte, oder ich werde mit der Realität konfrontiert, dass ich nie mehr meinen priesterlichen Dienst ausüben darf. Ich habe stets an die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen und ein wesentliches Element in Verbreitung und Stärkung des Glaubens geglaubt. Die Jahre meines Predigtdienstes, Hauptaufgabe der Redemptoristen, haben mir stets Freude bereitet und ich zweifelte nie daran, dass es eine Ehre ist die Botschaft Christi zu verkünden.

Aber die Gedanken-, Rede- und vor allem die Gewissensfreiheit aufzugeben ist ein zu großer Preis für mich, den ich zahlen müsste, um die Erlaubnis zu bekommen in der gegenwärtigen Kirche dienen zu dürfen.

Es gibt Leute die mir sagen, ich sollte die römisch-katholische Kirche verlassen und mich in den Dienst einer anderen christlichen Kirche stellen, die mir mehr entspricht. Katholisch zu sein ist aber ein zentraler Faktor meiner persönlichen Identität. Ich habe versucht das Evangelium zu verkünden. Es ist keine Frage welche Strafe mir der Vatikan auferlegt, ich will weiterhin gleich auf welchen Wegen, die mir offen stehen, versuchen die Reform in der Kirche weiterzubringen, um in ihr wieder einen Platz zu bereiten, wo sich alle, die Christus folgen möchten, willkommen fühlen können. Er machte Ausgegrenzte der Gesellschaft zu seinen Freunden und ich werde tun was ich kann, auf meinem schmalen Weg dem gegenwärtigen Kurs des Vatikans Widerstand zu leisten, der Verdammung statt Mitleid produziert.

Ich glaube dass die Glaubenskongregation die Vereinigung der Katholischen Priester unterdrücken möchte – es sind ja auch Versuche gemacht worden die Flügel der österreichischen Initiative zu stutzen. Ich hoffe und bete dafür, dass dies nicht eintrifft.

Solange ich mit diesen Dingen in meinem eigenen Leben zu tun habe, scheint es mir angemessen zu sein, übergangsweise von meiner Position als Leiter der Vereinigung zurück zu treten. Ich werde aber weiterhin ihr aktives Mitglied bleiben und ihre Aufgabe, die viel größer ist als eine Person, auf alle mögliche Art und Weise unterstützen.

Zuletzt: Ich wurde gefragt, warum ich jetzt, nachdem ich ein Jahr lang geschwiegen habe, in die Öffentlichkeit gehe.

Ich muss wieder meine Stimme zurückgewinnen.

Entnommen aus: Kirche In, 1. Feber 2013


Weiterführend:

AVAAZ-Petition >>: To have Fr. Tony Flannery returned to his priestly ministry

Unser Blog-Archiv vom 22.1.2013:
Irischem Ordensmann wird Exkommunikation angedroht


Dissident Irish priest censured by Vatican (Audio - auf "Listen" klicken)
For 39 years Tony Flannery (below) has been a priest of the the Redemptorist Order, in Ireland. He has done many of the things priests do ... celebrate mass, hear confession, administer last rites, baptise babies, counsel sinners and console the bereft.
cbc-radio >>

Association of Catholic Priests (ACP) >>

Mittwoch, 27. Februar 2013

Papst Benedikts getrübter Abschied

Nach sieben Jahren, zehn Monaten und zehn Tagen im Amt tritt Papst Benedikt XVI. am Donnerstag zurück. Von den Gläubigen verabschiedet sich der 85-Jährige schon am Mittwochvormittag bei seiner letzten Generalaudienz. Wegen des erwarteten Andrangs von Zehntausenden Römern, Pilgern und Schaulustigen wurde sie aus der Aula Paolo VI. auf den Petersplatz verlegt.

Doch die letzten Tage vor Benedikts Abschiedsaudienz waren aus Vatikan-Sicht alles andere als friedlich. Für Wirbel sorgte insbesondere der Bericht der römischen Zeitung "La Repubblica", demzufolge nicht Altersschwäche, sondern die schockierenden Ergebnisse der internen Untersuchung des "Vatileaks"-Skandals Benedikt zum Rücktritt bewegt haben: Es sei von einem Netz von Sex-, Geld- und Machtgelüsten im Vatikan die Rede, von einer "Schwulen-Lobby" und von Erpressung in der Kurie. Der Vatikan reagierte entrüstet - die Spekulationen über die verborgene düstere Seite des Kirchenstaats aber waren in der Welt.

Polizei und Verkehrsbetriebe in Rom stellen sich auf Schwerstarbeit ein. Die Sicherheitsvorkehrungen werden italienischen Medienberichten zufolge enorm sein: Scharfschützen auf den Dächern rund um den Vatikan, Polizisten in Zivil und Priesterkleidung inmitten der Menge, Sprengstoffexperten und Geheimdienste in Alarmbereitschaft.

Welt.de >>


Kurz vor der Papstwahl: Die Strippenzieher im Vatikan
Benedikt XVI. hat sich zum letzten Mal Hunderttausenden Gläubigen gezeigt - hinter den Kulissen laufen schon die Vorbereitungen für die Wahl seines Nachfolgers. Mächtige Einflüsterer umwerben die Kardinäle, die im Konklave den neuen Papst bestimmen. Einblicke in die Welt der obersten Kirchenführer.
Spiegel-Online >>


Acht Jahre unterm "Fallbeil"
Das Pontifikat Benedikts XVI. im Rückblick
Ein "Fallbeil" habe er im Konklave auf sich herabfallen sehen, als es auf ihn als neuen Papst hinauslief. "Ganz schwindelig" sei ihm geworden. "Ich habe mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere." So erzählte Benedikt XVI. am Tag nach seiner Amtseinführung deutschen Pilgern in der Audienzhalle. Drei Tage vor seiner Wahl war er 78 Jahre alt geworden. Nun ist er 85 Jahre alt – und hinter ihm liegen acht Dienstjahre in einem der zweifellos schwersten Ämter der Welt.
Kirchensite.de des Bistums Münster >>


Benedikt XVI: Ein alteuropäisches Pontifikat

27.02.2013 · Rückblick am freiwilligen Ende eines Pontifikats: Benedikt XVI. haben vor allem die klassischen Fragen der abendländischen Christenheit interessiert. Sein Projekt, den Glauben als vernünftige Option vorzulegen, machte nicht an den Grenzen der Kirche halt.
FAZ >>

Dienstag, 26. Februar 2013

Lieber neuer Papst, nimm Dir ein Beispiel ...

Wie spricht man jemanden korrekt an, den die Welt als Eure Heiligkeit, Heiliger Vater oder gar als Stellvertreter Christi auf Erden bezeichnet:

Darf man zu einem Vater, auch wenn er heilig ist, „Du“ sagen, bietet sich das früher gebräuchliche „Ihr“ an oder einfach „Sie“? Weil der Adressat im Moment ja noch anonym ist, er aber demnächst auch mein Heiliger Vater sein wird, nehme ich mir die Freiheit, ihn respektvoll mit „Du“ anzusprechen.

Also: Lieber neuer Papst, nimm Dir ein Beispiel an dem, den Du auf Erden vertreten sollst. Vor ihm sind alle Menschen gleich an Würde und Rechten, Männer UND Frauen. Lass die Hälfte Deiner Katholiken nicht links liegen, sondern spann sie ein in Deinen Dienst genauso wie das bei den Männern üblich ist, solange sie noch wollen.

Lieber Heiliger Vater, nimm Dir ein Beispiel daran, was Jesus in Sachen Barmherzigkeit getan hat. Ich glaube nicht, dass er mit Leuten, deren Ehen gescheitert sind, so hartherzig umgegangen wäre, wie es Deine Vorgänger praktiziert haben. Apropos: Wenn es stimmt, dass sein größtes Gebot das der Liebe ist, dann würde sich auch ein Blick auf die geltende Sexualmoral unserer Kirche anbieten.

Lieber künftiger Papst, glaube nur nicht, Du könntest eine Milliarde Menschen alleine regieren. Nimm Dir ein Beispiel an Papst Johannes XXIII., der gesagt hat: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig.“ Am Gescheitesten ist es, Du hilfst Deiner Kirche, sich selbst zu regieren. Nimm Dir ein Beispiel an gesunden Wiesen, wo Blumen friedlich nebeneinander blühen.

Lieber Herr Papst, nimm Dir auch ein Beispiel an Führern anderer Religionen: Predige weniger Dogmen, Zucht und Ordnung, sondern Freude, Hoffnung und Zuversicht. Einem vatikanischen Zuchtmeister laufen die Leute davon.

Lieber Heiliger Vater, der Religionen gibt es viele auf der Welt und wer weiß schon, welche die richtige ist. Keine besitzt die ganze Wahrheit. Aber miteinander sind wir auf dem Weg dorthin. Nimm Dir ein Beispiel an Eltern. Sie fahren immer gut damit, das Gemeinsame ihres Nachwuchses zu betonen, als sich auf die Verschiedenheiten zu konzentrieren. Vergleiche sind oft ungerecht. Wenn es aber stimmt, dass Gott alle Menschen liebt, wird er das wohl nicht nur auf Katholiken beziehen.

Lieber künftiger Papst, ich wünsche mir, Dich als einen Mann zum Angreifen. Einen, der weder konservativ noch progressiv ist, sondern als einen, der in der Mitte steht und den alle akzeptieren können. Und wenn Du auch die päpstliche Kleiderkammer durchforstest und alles ausmustert, was wirklich nicht mehr in unsere Zeit passt (von komischen Mützen angefangen bis zu lächerlichen roten Schuhen), dann kann schon nicht mehr so viel passieren.

Bert Brandstetter ist Präsident der Katholischen Aktion Oberösterreich.

Oberösterreichische Nachrichten >>

Montag, 25. Februar 2013

Erzbischof Keith O'Brien: Schottischer Kardinal stürzt über Belästigungsvorwürfe

Der ranghöchste Katholik in Großbritannien muss sein Amt aufgeben: Der schottische Erzbischof O'Brien hat nach Belästigungsvorwürfen seinen Rücktritt bekanntgegeben. Mehrere Priester berichten, er habe sich ihnen in "unangemessener Weise" genähert.
In den kommenden Wochen hätte Kardinal Keith O'Brien eigentlich den neuen Papst wählen sollen. Doch daraus wird nichts: Der 74-Jährige tritt als Erzbischof von St. Andrews und Edinburgh zurück. Laut Vatikan hat Papst Benedikt XVI. das Gesuch bereits angenommen.
Spiegel Online >> 


Kardinal Keith O'Brien: Tiefer Sturz vor dem Konklave
O'Brien, der zum Konklave nach Rom fahren sollte, ließ die Vorwürfe zunächst über einen Sprecher zurückweisen. Er nahm sich einen Anwalt und verzichtete auf dessen Rat darauf, am Sonntag die Messe in der St.-Mary's-Kathedrale in Edinburgh abzuhalten. Am Montag dann berichtete BBC, der Kardinal habe sich zum Rücktritt entschlossen.
... Mitte März wäre O'Brien in den Ruhestand getreten. Jetzt trat er mit sofortiger Wirkung vom Amt zurück. Der Papst habe einen Vertreter bestellt, der die Erzdiözese vorübergehend führen soll. Im Rückblick auf seine Amtszeit sagte er: "Für alles Gute, was ich tun konnte, danke ich Gott. Für meine Fehler entschuldige ich mich bei allen, die ich verletzt habe."
... Was wie immer fehlt, ist Transparenz. "Die Kirche ist schön, aber sie hat eine dunkle Seite und die hat mit Rechenschaft zu tun", sagte einer der Priester, die gegen O'Brien vorgehen. "Wenn das System sich verbessern soll, dann muss es ein wenig auseinandergenommen werden."
Spiegel Online >>


Schottischer Kardinal O’Brien zurückgetreten
Der Erzbischof von Edinburgh und Saint Andrews, Kardinal Keith O’Brien, ist heute nach Vorwürfen „unangemessenen Verhaltens“ gegenüber jungen Priestern zurückgetreten. Er wird nicht am bevorstehenden Konklave teilnehmen.
Der ranghöchste Würdenträger der katholischen Kirche in Großbritannien, Kardinal O’Brien, ist zurückgetreten. Das teilte die katholische Kirche von Schottland am Montag mit. Papst Benedikt XVI. habe das Rücktrittsgesuch bereits am 18. Februar angenommen, hieß es in der Mitteilung. O’Brien selbst teilte mit, der Papst habe seinen Rücktritt als Erzbischof von Edinburgh und Saint Andrews auf den 25. Februar festgesetzt.

Religion.orf.at >>

Schüller in Nürnberg: "Aufstehen und Klartext reden!"



Sehnlich erwartet: "Kirchenrebell" Helmut Schüller

"Aufstehen und Klartext reden!"
Den Bischöfen von Eichstätt und Bamberg hatte seine Einladung als Fastenprediger überhaupt nicht gemundet. Nun kam und sprach er doch, der "Kirchenrebell" – im Rahmen einer Bildungsveranstaltung. Helmut Schüller, Sprecher der Pfarrei-Initiative Österreich, machte den Gläubigen Mut, "die eingespielte Rolle der Untertanen zu verlassen." Doch zunächst hieß es: warten...
Nürnberger Zeitung >>


Katholische Kirchengemeinde Menschwerdung Christi >>

Abgründe - Bericht über die Kurie bleibt unveröffentlicht

Abgründe
Ein von Papst Benedikt XVI in Auftrag gegebener Bericht über die Kurie
bleibt unveröffentlicht
Von Jörg Bremer
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 44 / 2013, 8. - 21. Februar 2013 / Zeitgeschehen

Im Vatikan haben am Sonntag nach dem Angelusgebet die Fastenexerzitien begonnen. Eine Woche leitet nun einer der aussichtsreicheren Kandidaten für die Nachfolge von Benedikt XVI., Gianfranco Kardinal Ravasi, der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, die gemeinsamen Gebete des Papstes und seiner geistlichen Kurienmitarbeiter zu Einkehr, Buße und Umkehr mit Meditationen an. Die Geistlichen hätten darauf bereits eingestellt sein müssen. Der Papst hatte sie seit der Ankündigung seines Rücktritts am 11. Februar in seinen Erklärungen und Predigten auf die Bußtage vorbereitet. Er habe aus der Einsicht in seine Schwäche in "radikaler Freiheit" vor Gott begriffen, dass er zu schwach geworden sei, diese Kirche mit ihrem "bisweilen entstellten Gesicht" aus Zwietracht und Hass wieder zu heilen, sagte er. Papst Benedikt XVI. mahnte seine Kardinäle, Bischöfe und Prälaten, Selbstsucht und Karrierestolz abzulegen und sich Gott zu öffnen, um ähnlich frei zu werden wie er selbst. Der Papst weiß aus eigener Erfahrung, dass manche dieser Herren eine Läuterung besonders nötig haben.

Für manche Geistliche im Vatikan mögen die jährlichen Exerzitien zu Beginn der vierzig Tage dauernden Fastenzeit Routine sein. Für einen frommen Mann wie den Theologen Joseph Ratzinger sind sie aber im Kirchenjahr eine Wegscheide. Das sollte auch für seine Mitarbeiter gelten. Viele von ihnen haben nun die Chance, vor Gott das wiedergutzumachen, was sie ihrem Oberhirten angetan haben. Der Papst scheidet nicht nur alt, schwach und müde, er geht auch enttäuscht und unverstanden. Viele beim Heiligen Stuhl spürten in den vergangenen Tagen die Distanz zwischen dem Papst und der Kurie. Er forderte die Kardinäle auf, für ihn zu beten - als täten sie das nicht bereits in jeder Messe. Hingegen bedankte er sich sichtlich bewegt in der Generalaudienz in der vergangenen Woche bei den Gläubigen für ihre Anteilnahme, ihren Applaus, ihre Gesänge und für die Zuneigung in aller Welt. Auch den Priestern seiner Diözese fühlte er sich nah; er sei "dankbar für das Gebet, das ich fast physisch spüre", sagte er.

Mit bitterem Ernst meinte dieser Tage ein Prälat, der Papst habe vor der Wahl gestanden: "Entweder gehen der Kurienchef Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und einige andere - oder ich." Nun tut's der Papst. Für Außenstehende ist schwer zu begreifen, dass der Papst seine Kurie nicht einfach lenken kann. Natürlich hätte Benedikt unwillige oder unfähige Mitarbeiter jederzeit entlassen können. Gerade Ratzinger ist aber nie ein guter Verwalter und Organisator gewesen. Er war bei Personalentscheidungen und in Führungsfragen oft so unsicher, dass er lieber an falschen Entscheidungen festhielt, als neue Risiken einzugehen. Mit dem Alter wurde diese Neigung immer stärker. Als Theologe war der Papst immer sein eigener Herr, als Papst aber war er nur ein, wenn auch der größte Stein in seiner Kirche.

Nun lässt er viele Baustellen zurück: Das von ihm ausgerufene "Jahr des Glaubens'" geht erst im Oktober zu Ende; seine Enzyklika über den Glauben kommt nicht mehr heraus. Da der Papst sie schon im Frühherbst abgeschlossen hatte, glauben manche, der Text stecke bei Kurienprälaten wegen dogmatischer Bedenken fest. Die Piusbrüder leben weiter im Schisma mit Rom. Erst 2010 hatte der Papst einen Rat zur Neuevangelisierung ins Leben gerufen - ein Herzensthema seiner letzten Amtsjahre. Nun lässt der Vater sein "Kind" zurück. Zudem geht Benedikt in einem Moment, in dem die Christenverfolgung in Afrika und Asien zunimmt und in dem auch Christen in säkularen Gesellschaften des Westens es schwerer haben. Um auf diesen Baustellen wirkungsvoll zu arbeiten, braucht die Kirche nicht allein einen neuen Chef. Der benötigt auch tatkräftige und loyale Mitarbeiter. Mit seinem Rücktritt zur Fastenzeit, die zu Buße und Umkehr mahnt, fordert der Papst geschickt die Reform der Kurie.

Mehrere Jahre lang hatte sich der Papst mit der Möglichkeit eines Rücktritts getragen: Erst theoretisch in Gesprächen mit seinem Bruder Georg und im Gesprächsbuch "Licht der Welt" mit seinem Biographen Peter Seewald; seit bald einem Jahr praktisch. Als er im März 2012 in Mexiko war und während der Nacht einmal aufstehen musste, verlor der Papst die Orientierung, stolperte im Bad gegen die Wand und zog sich eine Verletzung zu. Immer schwerer fällt ihm das Gehen. Bei Schwindel hilft auch der Stock nicht. Zudem verlässt ihn der Appetit. Mit letzter Kraft schrieb er den dritten Band zu Jesus von Nazareth. Vor gut zehn Wochen erfuhr Seewald vom Papst, von ihm sei "nicht mehr viel zu er­warten. Ich bin ein alter Mann, die Kraft hört auf."

Der Skandal um Vatileaks und die gestohlenen Dokumente aus seinem Büro sollen ihn nach Seewald "nicht aus der Bahn geworfen" haben. Der Diebstahl selbst sei "kein Anlass" für den Rücktritt gewesen. In der Tat war der Dieb und Kammerdiener Paolo Gabriele ein kleines Licht. Bis heute ist für die Öffentlichkeit jedoch ungeklärt, wie der, so heißt es in den psychiatrischen Berichten, um Anerkennung buhlende Dieb ohne Selbstbewusstsein dazu kam, den "wie seinen Vater geliebten" Papst zu bestehlen und zu betrügen. Er soll "allein gehandelt" haben, urteilte ein säkulares vatikanisches Gericht. Was aber trieb ihn? Was hatte es mit der Behauptung Gabrieles vor Gericht auf sich, dem Papst würden wichtige Informationen durch das Staatssekretariat vorenthalten? Und der Papst wisse vieles nicht, was er wissen müsste.

Mit seinem Wunsch nach Transparenz setzte der Papst einen Strafprozess gegen den Dieb durch. In der Kirchengeschichte war dieses Vorgehen neu; früher waren Diebe im Vatikan ohne öffentlichen Prozess aus dem Verkehr gezogen worden. Der Papst setzte eine Kommission aus den drei hochbetagten Kardinälen Julian Herranz, Jozef Tomko und Salvatore De Giorgi ein, die auf niemanden mehr Rücksicht nehmen müssen. Sie sollten in Vernehmungen mit Klerikern der Kurie die Hintergründe von Vatileaks aufklären. Der Strafprozess war längst zu Ende, und der zu 18 Monaten Haft verurteilte Gabriele wartete auf seine Begnadigung, da trugen die Kardinäle am 17. Dezember dem Papst ihren Abschlussbericht vor.

Der Bericht blieb unveröffentlicht. Die Gesprächspartner des Papstes, die von ihm über diesen Bericht haben reden hören, ergehen sich in Bemerkungen über ungeahnte Abgründe von Intrigen und Hass unter Geistlichen der Kurie. Dem Papst sollen die Spannungen deutlicher denn je vor Augen geführt worden sein. Benedikt XVI. habe in diesem Moment begriffen, dass die jetzige Kurie Veränderungen und Transparenz geradezu bekämpfe. Mit seinem Rücktritt verlieren auch die Chefs der Dikasterien und andere ranghohe Geistliche ihre Posten. Der Papst will zwar in Zukunft "für die Welt verborgen bleiben". Gewiss aber wird er vor dem Konklave den fragenden Kardinälen aus dem Dossier berichten, und gewiss wird er seinem Nachfolger das Dokument zur Verfügung stellen, damit dieser sich bei der Neubesetzung der Ämter orientieren kann.


„Vatileaks“ - Kardinal Pell fordert Infos zu Geheimdossier
Medienspekulationen über ein vertrauliches Kardinalsdossier zu der Affäre „Vatileaks“ belastet offenkundig immer mehr auch die Kardinäle, die sich an der Wahl eines neuen Papstes beteiligen werden.
Religion.orf.at >>

Der Papst, wilde Gerüchte und ein Geheimdokument
Italienischen Medien zufolge tritt der Papst wegen eines homosexuellen Netzwerks im Vatikan zurück. Auch von Erpressung ist die Rede. Welche Rolle spielt das Geheimdossier dreier Kardinäle?
Die neuen Erkenntnisse und Enthüllungen bestehen deshalb in der Substanz aus Kombinationen von bereits Bekanntem oder Vermutetem, was vielleicht sonst noch möglich sein könnte. Einiges davon klingt nach ordinärem Tratsch. Anderes stammt aus vergangenen Fällen, die nie wirklich ganz aufgeklärt wurden. Dass es, wie überall sonst, auch im Vatikan schwule Netzwerke gibt, ist keinem neu, der den Zwergstaat einige Jahre beobachten durfte.
Die Welt >>

Der Vatikan dementiert in sehr allgemeiner Form und beschuldigt die Medien, "die Verbreitung oft nicht überprüfter oder schlichtweg falscher Nachrichten zu vervielfachen".

Komuniqué des Staatssekretariats
L'Osservatore Romano >>


Nur nächster Papst darf Kardinalsbericht zu Vatileaks lesen

Vatikanstadt, 25.02.2013 (KAP) Der Untersuchungsbericht der drei Kardinalskommissare in der "Vatileaks-Affäre" bleibt unter Verschluss und soll nur dem neuen Papst zur Verfügung gestellt werden. Das geht aus einem Vatikan-Kommunique vom Montag im Anschluss an eine Audienz für die drei Kardinäle Julian Herranz, Jozef Tomko und Salvatore De Giorgi hervor. Zunächst war vermutet worden, der Papst könnte den Text den Kardinälen zum Beginn der Generalkongregationen zugänglich machen.

Bei der Audienz habe der Papst den drei Kardinälen zum Abschluss ihrer Beauftragung für ihre Arbeit gedankt, heißt es jetzt in der Erklärung. Ihr Bericht habe - "neben Grenzen und Unvollkommenheiten angesichts der menschlichen Komponente aller Institutionen - die Großzügigkeit, Rechtschaffenheit und Hingabe der Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl im Dienst für den Papst" deutlich gemacht.

"Der Papst hat entschieden, dass die Akten der Untersuchung, von deren Inhalt nur der Papst Kenntnis hat, ausschließlich dem neuen Papst zur Disposition bleiben", so das Kommunique.
Kathpress >>

Sonntag, 24. Februar 2013

Fastenzeit

Fastenzeit heißt Freiheiten entdecken
Hinter dem Üblichen
Hinter den Gewohnheiten
Hinter dem, was alle machen
Hinter Essen und Trinken
Freiräume für anderes, Neues…

Die Augen mehr sehen lassen,
als das Fernsehen anbietet.
Den Ohren Stille gönnen,
die sie so lange vermisst haben.
Die Hände gelassen in den Schoß legen
und sie nicht ständig in Bewegung bringen.
Den Kopf frei halten von mehr und noch mehr.

Sich einen Freiraum schaffen,
sich und anderen: Fastenzeit.

Roland Breitenbach, Sechs-Minuten-Predigten,
Verlag Herder, Fr. i. Br., 2003, 51.



Fastenpredigten zum Vater-unser in Bad Tatzmannsdorf >>