Sonntag, 9. September 2012

Güte ist ansteckend

Güte ist etwas Ansteckendes.
Wohnt Güte in deinem Herzen,
findest du leicht Freunde,
bist du oftmals eine Anlaufstelle,
ein richtiger Hafen
für Unglückliche, Einsame und Notleidende.
Güte ist Wegbereiter der Liebe.

Ohne Güte wäre Liebe verlogen.
Gut sein,
das ist Sinn,
Grund
und Ziel deines Daseins.
Wer zu anderen gut ist,
wird niemals seine Macht missbrauchen.

Wer ein Christ ist, weiß,
dass die christliche Botschaft
keine Botschaft
von Gottes Allmacht und Rache ist,
sondern eine Botschaft
von seiner Barmherzigkeit,
von seiner Menschenfreundlichkeit
und von seiner Bereitschaft,
zu vergeben.
Eine Botschaft von Gottes Güte.


Phil Bosmans, Leben jeden Tag. 365 Vitamine für das Herz,
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2008, 69.

Freitag, 7. September 2012

Herbert Kohlmaier verweigert dem Codex Juris Canonici die Anerkennung


Herrn Kardinal
Erzbischof Dr. Christoph Schönborn

Sehr geehrter Herr Erzbischof,
vor einem Vierteljahr habe ich Selbstanzeige erstattet und mit Berufung auf den Codex Iuris Canonici ausdrücklich ersucht, mich mit „Exkommunikation“ zu bestrafen. Ich führte als Begründung an, dass ich die Tatbestände der „Häresie“ und des „Schismas“ erfü̈lle, da ich Zweifel an der Lehre der Kirche bekunde und mich dem Papstregime unterzuordnen weigere. Darauf erfolgte keinerlei Reaktion.

Ich ordne dies nicht der bei Deinen Kollegen gängigen Unhöflichkeit zu, Schreiben von Kirchenmitgliedern nicht zu beantworten. Es ist vielmehr das eingetreten, was ich erwartete. Ein kirchliches „Strafverfahren“ wäre mir sehr willkommen gewesen. Ich hätte es als Betroffener mit dem Ziel durchexerzieren können, der katholischen Öffentlichkeit dessen Absurdität sowie seine Sinn- und Wirkungslosigkeit zu demonstrieren. Daher verstehe ich, dass man dem ausweicht. Auch wenn eine unterbliebene Antwort an sich immer eine Missachtung darstellt.

Man kann oder will also das Kirchengesetz bei sich auflehnenden Laien nicht exekutieren. Das fü̈hrt zu Schlussfolgerungen, die zu ziehen ich jedem Mitglied unserer Kirche sehr nahelege: Die einstige klerikale Obrigkeit über das Kirchenvolk, an die Manche noch glauben, existiert nicht mehr und steht nur auf dem Papier. Zu absurd ist sie ja! Verlangt doch das kirchliche Gesetzbuch (Can. 212) von den Gläubigen, sie hätten „in christlichem Gehorsam zu befolgen“, was die Geistlichkeit „in Stellvertretung Christi“ erklärt oder bestimmt!

Diese unerträgliche Anmaßung widerspricht so gut wie allem, was wir aus dem Evangelium erschließen können. Ebenso dem, was heute unsere Überzeugung als von Gott mit Würde und Verantwortung ausgestattete freie Menschen ist. Ich brauche das nicht näher auszuführen. Das ganze Kirchengesetzbuch lässt bei kritischer Betrachtung ungehemmten Despotismus erkennen, wie ihn nur eine Art von Größen- und Machtwahn hervorbringen kann. Kein sonstiges Gemeinwesen der zivilisierten Welt würde es heute noch wagen, sich solche absurde Regeln zu geben! Wie eben auch die, welche ich ins Treffen führte, nämlich dass man automatisch aus der Gemeinschaft fällt, weil man sich eine eigene Meinung erlaubt.

Blanke Willkür tritt uns da entgegen, etwa bei der Ernennung von Bischöfen. Es wirkt die unbegrenzte und unkontrollierte Entscheidungsgewalt eines einzigen fehlbaren Menschen, der sich in Missachtung der Weisung Jesu „heiliger Vater“ nennt. Wie die wissenschaftliche Enquete der kirchlichen Reformbewegungen vom November 2010 sichtbar gemacht hat, widerspricht die Verfassung der Institution Kirche eklatant den heute allgemein anerkannten Standards der Grund- und Menschenrechte. Und da wird dreist behauptet, Jesus habe diese Kirche „eingerichtet“, wie es erst neulich der Vertreter des Vatikans in Deutschland wieder getan hat!

Den Angehörigen eines Glaubens bedingungslosen Gehorsam auferlegen zu wollen, sogar einen des Verstandes, verkennt und missachtet die Natur des Menschen. Man bildet sich ein, befehlen zu können, statt durch Wort und Beispiel dem Geist Gottes Raum zu geben. Man meint auch, Unliebsame einfach ohne Verfahren und Begründung absetzen zu können, wie erst jüngst wieder geschehen. Kein vernünftiger Mensch, der auch nur einen Funken Selbstachtung hat, kann gewillt sein, sich Solchem zu unterwerfen.

So gehen sehr viele weg und eine weitaus überwiegende Mehrheit derer, die bleiben, ignoriert Vorschriften, deren Sinnhaftigkeit sie nicht erkennen können. Eine tiefe Spaltung ist dadurch entstanden, die heute die Kirche belastet und lähmt. Das, was sich „kanonisches Recht“ nennt, ist längst Unrecht geworden. Seltsamer Weise wird es als solches an den staatlichen Universitäten gelehrt. Eigentlich sollten es hinkünftig nur mehr die Historiker als Dokument eines längst überwundenen Absolutismus in ihr wissenschaftliches Repertoire aufnehmen.

Das Unrechts- und Scheingebilde hat aber noch immer verhängnisvolle Auswirkungen. Es unterstellt alle im Dienst der Kirche Stehenden einer Ordnung, die der Verkündigung und Pflege des Glaubens schweren Schaden zufügt. Sie sind heute die Hauptleidtragenden einer Papstdiktatur, welche die Stirn hat, seine angebliche Einsetzung durch einen Rabbi des Judentums in Anspruch zu nehmen, der als Gottes Sohn erkannt wurde.

Unzählige Berufungen von Menschen beiderlei Geschlechts zur Seelsorge werden „rechtlich“ verhindert und beliebte Priester werden verjagt, weil man stur auf Zulassungsbedingungen beharrt, die längst überholt und theologisch nicht begründbar sind. Sakramente werden „rechtlich“ verweigert, weil man meint, über das Schicksal von Menschen richten zu können. Was würde Jesus dazu sagen, der uns davor warnte, zu richten? Die Seelsorge verdorrt, die Glaubenslandschaft verödet, weil es kaum Nachwuchs gibt. Denn welcher junge Mensch mit Verstand ist bereit, sich so einem Gewaltregime auszuliefern?

Sein Niedergang erscheint unaufhaltsam, kein vernünftiger Mensch kann das übersehen. Unzählige dazu Legitimierte und hoch Qualifizierte, denen Glaube und Kirche am Herz liegen, warnen, mahnen und flehen. Wie sehr würden sie sich und wir alle uns wünschen, in einer Kirche zu leben, die zeitgemäß gestaltet und tatsächlich dem verpflichtet wäre, was Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, verkündete! Doch die Kirchenleitung verschließt ihre Augen und Ohren. Sie hört lieber auf Denunzianten als auf Mahnende.

Wäre diese untragbare Situation eigentlich nicht ganz einfach zu bewältigen? Wenn man merkt, dass Regeln von der überwiegenden Mehrheit nicht mehr akzeptiert werden, muss man sie überprüfen und bessere machen. Zu glauben, man könne das nicht mehr Taugliche durch das Einmahnen von „Gehorsam“ weiterhin durchsetzen, lässt jede Einsicht vermissen, aber auch allen Mut und notwendige Intelligenz.

Wir, die an die Zukunft des Christentums und einer erneuerten Kirche glauben, sehen daher nur mehr den Ausweg des „Ungehorsams“, um uns von der Last eines unfruchtbaren Klerikalismus zu befreien. Es bleibt uns keine andere Möglichkeit, als die Gestaltung des Glaubenslebens endlich denen zu entwinden, deren Tun und Unterlassen so schlechte Früchte hervorbringt.

So erkläre ich in aller Form und unter Berufung auf mein sorgfältig geprüftes Gewissen:

Ich verweigere als Mitglied der Katholischen Kirche dem Codex Juris Canonici die Anerkennung, da er
     1. nicht von einer dazu einwandfrei legitimierten Autorität erlassen wurde und
     2. in seiner Gestaltung und seinem Inhalt elementaren Grundsätzen einer menschengerechten Rechtsordnung widerspricht.

Ich empfehle diese Haltung allen Katholikinnen und Katholiken.


Erlaube mir, sehr geehrter Herr Kardinal, abschließend ein persönliches Wort. Ich begehe keine Indiskretion, wenn ich nun in diesem offenen Brief an Dich einen Ausspruch zitiere, den Du in einem sehr ernsten und guten Gespräch mit mir getan hast: „Die Kirche ist eben vielfältig.“ Wie recht Du damit hast! Aber warum unterwerft Ihr Euch im Bischofsamt dann dem Diktat eines hartherzigen und uneinsichtigen Zentralismus?

Ladet Ihr damit nicht eine schwere und historische Schuld auf Euch? Wäre es nicht Eure heilige Pflicht, Euch mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass Schein und Sein nicht mehr auseinander klaffen in Gottes Kirche? Seht Ihr denn nicht, dass dieses System am Ende ist und dass Euch das Volk, dessen Hirten Ihr sein sollt, nicht mehr vertrauen kann, wenn Ihr Euch nur beugt?

Gäbe es nur wieder volle Gemeinschaft und Einmütigkeit in der Kirche! Sinnlose vatikanische Vorschriften und Anordnungen werden das nicht schaffen, sondern nur weiter zerstören. Da helfen keine „Neuevangelisierung“ und kein „Jahr des Glaubens“. Auch kein Umorganisieren, um den Mangel an Priestern durch eine Verdünnung der Seelsorge scheinbar zu bewältigen. Nein, es bedarf der großen Besinnung und der Metanoia, der Rückkehr zu den Quellen!

Die herkulische Aufgabe, den vatikanischen Augiasstall auszumisten, werden wir als Kirchenvolk nicht schaffen können. Das läge in Euren Händen, die auch Ihr einmal dem wahren Herrn der Kirche gegenüberstehen werdet. Gar mit argen Flecken auf Euren prächtigen aber in ihrer Bedeutung längst verschlissenen Gewändern?

Mit dieser brüderlichen Ermahnung eines Menschen, der weiß, wie drückend Verantwortung für die Gemeinschaft sein kann, der man sich aber nie und nimmer entziehen darf, verbleibe ich
als Dein Dich in größter Sorge um seine Kirche grüßender

Herbert Kohlmaier
Gedanken zu Glaube und Zeit - Nr. 55 1. September 2012 >>

Donnerstag, 6. September 2012

Priester outet sich bei Predigt

In der Oberländer Gemeinde Zams hat ein Kooperator in seiner Predigt am vergangen Sonntag seinen Abschied bekanntgegeben. Er offenbarte seine Liebe zu einer Frau. Die Diözese bedankt sich in einer ersten Reaktion für die Ehrlichkeit.
Die Beziehung zu einer Frau und das Amt seien nicht gleichzeitig auszuüben, teilte der Zammer Pfarrer Helmut Traxl gegenüber der APA die Begründung des betroffenen Kooperators mit.
ORF Tirol >>  


Tiroler legt aus Liebe zu einer Frau Priesteramt nieder
In der Sonntagspredigt hat ein Priester in der Tiroler Gemeinde Zams im Bezirk Landeck die Liebe zu einer Frau offenbart und im Zuge dessen seinen Abschied bekannt gegeben.
Krone >>


Mittwoch, 5. September 2012

Exerzitien mit S. Exz. Athanasius Schneider in Pinkafeld

S. Exz. Athanasius Schneider, Weihbischof des Erzbistums und Astana (Kasachstan), wurde von Bischof Ägidius Zsifkovics persönlich zu Exerzitien für Kleriker (27.-31. August) und Tage der Glaubensvertiefung für Laien (1.-2. September) nach Pinkafeld eingeladen.
 
Quelle: Vereinigung der Neuevangelisierung Europas >>


Hintergrund:
Msgr. Schneider gehört dem Engelwerk an und tritt für die Mundkommunion im Knien ein.
Wikipedia >>

Aktuell:
Neue Kathedrale in Karaganda mit Eucharistischem Zyklus

Am Sonntag, den 9. September 2012 wird in Kasachstan die neue katholische Kathedrale von Karaganda geweiht.
Idee und Planung der neuen Kathedrale gehen auf den Bischof von Karaganda, Erzbischof Jan Pawel Lenga, und auf Weihbischof des Erzbistums Astana, den Rußlanddeutschen Msgr. Athanasius Schneider zurück.
Weiter auf Katholisches.info >>

Dienstag, 4. September 2012

Kardinal Martini: Kirche ist 200 Jahre hinter ihrer Zeit

Ehemaliger Papst-Kandidat Kardinal Carlo Maria Martini ruft im letzten Interview vor seinem Tod zur Modernisierung der Kirche auf. "Die Kirche muss einen radikalen Prozess des Wandels beginnen, angefangen beim Papst und den Bischöfen", fordert er.

Der frühere Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini hat vor seinem Tod dazu aufgerufen, die katholische Kirche endlich zu modernisieren. "Die Kirche ist 200 Jahre hinter ihrer Zeit. Warum wachen wir nicht auf? Haben wir Angst?", sagte er im letzten Interview vor seinem Tod, das die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" am Samstag publizierte. Kardinal Christoph Schönborn würdigte Martinis Wirken über die Grenzen der Kirche hinaus.
Kleine Zeitung >> 

Trauer im Vatikan um Kardinal Martini
Kleine Zeitung >>

Schönborn würdigt Kardinal Martinis Dialog mit Agnostikern
Wiener Erzbischof erinnert an Kardinal Martinis Dialog mit Umberto Eco unter dem Motto "Woran glaubt, wer nicht glaubt"
Kathweb >>

Klartext vor dem Tod
Georg Sporschill führte das letzte Interview mit Kardinal Martini. Der 66-jährige Jesuitenpater arbeitet seit 1991 in Bukarest. Mit Kardinal Martini war er lange befreundet.
Christ & Welt >>

Gibt es eine Hoffnung für die Kirche?
Ein Gespräch mit Kardinal Martini
P. Georg Sporschill SJ und Federica Radice Fossati Confalonieri
Mailand, am 8. August 2012

Wie sehen Sie die Situation der Kirche?
Die Kirche in den Wohlstandsländern Europas und Amerikas ist müde geworden. Unsere Kultur ist alt, unsere Kirchen sind groß, Häuser sind leer, die Organisation wuchert, unsere Riten und Gewänder sind prächtig. Doch drücken sie das aus, was wir heute sind? Dienen die Kulturgüter, die wir zu pflegen haben, der Verkündigung und den Menschen? Oder binden sie zu sehr unsere Kräfte, so dass wir uns nicht bewegen können, wenn eine Not uns bedrängt?
Der Reichtum belastet uns. Wir stehen da wie der reiche Jüngling, der traurig wegging, als ihn Jesus zur Mitarbeit gewinnen wollte. Ich weiß, dass wir nicht leicht alles verlassen können. Doch wir könnten zumindest Menschen suchen, die frei und den Menschen nahe sind. Wie es Erzbischof Romero und die Jesuitenmärtyrer von El Salvador waren. Wo sind die Helden bei uns, auf die wir schauen können? Keinesfalls dürfen wir sie mit den Fesseln der Institution behindern.

Wer kann der Kirche heute helfen?
Pater Karl Rahner gebrauchte gerne das Bild von der Glut, die unter der Asche zu finden ist. Ich sehe so viel Asche, die in der Kirche über der Glut liegt, dass mich manchmal Hoffnungslosigkeit bedrängt. Wie können wir die Glut von der Asche befreien, so dass die Liebe wieder zu brennen beginnt? Als erstes müssen wir die Glut aufspüren. Wo sind einzelne Menschen, die hilfreich sind wie der barmherzige Samariter? Die Vertrauen haben wie der heidnische Hauptmann? Die begeistert sind wie Johannes der Täufer? Die Neues wagen wie Paulus? Die treu sind wie Maria von Magdala?
Ich empfehle dem Papst und den Bischöfen, in ihre Leitungsgremien zwölf ungewöhnliche Menschen aufzunehmen. Menschen, die bei den Ärmsten sind, Jugendliche um sich haben und Experimente machen. Es braucht die faire Auseinandersetzung mit Menschen, die brennen, damit der Geist wehen kann.

Welche Heilmittel empfehlen Sie gegen die Müdigkeit?
Es gibt Heilmittel im Christentum, die ihre Wirkung nie verlieren. Ich empfehle drei starke Medikamente.
Das erste ist die Umkehr. Die Kirche − angefangen vom Papst und den Bischöfen − muss sich zu ihren Fehlern bekennen und einen radikalen Weg der Veränderung gehen. Die Skandale um den Missbrauch von Kindern zwingen uns, Schritte der Umkehr zu setzen.
Die Fragen zur Sexualität und zu allen Themen, die den Leib betreffen, sind ein Beispiel. Sie sind jedem Menschen wichtig, manchmal vielleicht zu wichtig. Nehmen wir wahr, ob die Menschen die Stimme der Kirche zur Sexualmoral noch hören? Ist die Kirche hier eine glaubwürdige Gesprächspartnerin oder nur eine Karikatur in den Medien?
Das zweite ist das Wort Gottes. Das Zweite Vatikanische Konzil gab den Katholiken wieder die Bibel in die Hand. Aber können sie die Heilige Schrift verstehen? Wie finden Katholiken einen selbstbewussten Umgang mit dem Wort Gottes? Nur wer dieses Wort in sein Herz aufnimmt, kann beim Neuaufbruch der Kirche mitmachen und in persönlichen Fragen gute Entscheidungen treffen.
Das Wort Gottes ist einfach und sucht als Partner das hörende Herz. Dazu braucht es nur Stille, Hören, Lernen, Fragen und Warten, wenn ich es nicht fassen kann. Nicht der Klerus und nicht das Kirchenrecht können die Innerlichkeit des Menschen ersetzen. Alle äußeren Regeln, Gesetze und Dogmen sind dazu da, um die innere Stimme des Menschen zu klären und die Geister zu unterscheiden.
Ein drittes Heilmittel sind die Sakramente. Sie sind keine Instrumente zur Disziplinierung, sondern eine Hilfe für die Menschen an den Wendepunkten und in den Schwächen des Lebens. Bringen wir Sakramente zu den Menschen, die neue Kraft brauchen? Ich denke an die vielen geschiedenen und wiederverheirateten Paare, an die Patchwork-Familien. Sie brauchen besondere Unterstützung. Die Kirche steht zur Unauflöslichkeit der Ehe. Es ist eine Gnade, wenn eine Ehe und Familie gelingt. Wenn die Eheleute zusammenhalten und einander tragen. Wenn sie Kinder haben und sie zu selbständigen und mutigen Christen erziehen. Christliche Familien zeichnen sich aus durch die Kraft, jenen entgegenzukommen, die Not haben in der Beziehung oder in der Erziehung.
Die Art und Weise, wie wir mit Patchwork-Familien umgehen, bestimmt die Generation der Kinder. Eine Frau wurde von ihrem Mann verlassen und findet einen neuen Lebenspartner, der sie und die drei Kinder annimmt. Die zweite Liebe gelingt. Wenn diese Familie diskriminiert wird, wird nicht nur sie, sondern werden auch ihre Kinder zurückgestossen. Wenn sich die Eltern in der Kirche ausgeschlossen fühlen oder keine Unterstützung erfahren, verliert die Kirche die nächste Generation.
Vor der Kommunion beten wir: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Wir wissen, dass wir unwürdig sind und mit unserer Leistung die Liebe nicht verdienen. Liebe ist Gnade. Liebe ist Geschenk. Die Einladung, zur Kommunion zu gehen und das Brot des Himmels zu empfangen, richtet sich an die Suchenden und Bedürftigen. Das ist kein Anbiedern, sondern ein selbstbewusstes Angebot der Kirche im Wissen darum, dass bei Gott nichts unmöglich ist.
Die Frage, ob Geschiedene zur Kommunion gehen dürfen, sollte umgedreht werden. Wie kann die Kirche den Menschen, deren Beziehung schwierig oder gescheitert ist, mit der Kraft der Sakramente zu Hilfe kommen?

Womit ringen Sie persönlich?
Die Kirche ist zweihundert Jahre lang stehen geblieben. Warum bewegt sie sich nicht? Haben wir Angst? Angst statt Mut? Wo doch der Glaube das Fundament der Kirche ist. Der Glaube, das Vertrauen, der Mut. Ich bin alt und krank und auf die Hilfe von Menschen angewiesen. Die guten Menschen um mich herum lassen mich die Liebe spüren. Diese Liebe ist stärker als die Hoffnungslosigkeit, die mich im Blick auf die Kirche in Europa manchmal überkommt. Nur die Liebe überwindet die Müdigkeit. Gott ist die Liebe.
Ich habe noch eine Frage an dich: Was kannst du für die Kirche tun?

Montag, 3. September 2012

Sonntag, 2. September 2012

Maskenträger

Gott, ich bin ein Maskenträger
und das schon eine lange Zeit:
ich gebe mich cool
            und bin verwundet
Ich lache laut und mache so meine Späße
            und bin doch traurig und allein
ich packe überall mit an
            und dennoch stinkt es mir, mitzuhelfen
ich sage „ja“ und meine „nein“
ich sage „du“ und meine „ich“

oft, Gott
spreche ich mit dir
            und meine dich gar nicht
ich liebe dich
            und denke gar nicht daran
ich bin ein Christ
            und lass es mir nicht anmerken
ich bin ein Maskenträger
            und das bin ich wirklich

das möchte ich dir, Gott,
heute bekennen
ohne große Worte
ohne tiefe Verneigung
ohne mir an die Brust zu schlagen
ganz einfach nur bekennen
bekennen und dir sagen
dass ich meine Maske kenne
und bereit bin
sie langsam
wieder abzuschminken
und dir und mir und allen
mein wahres Gesicht zu zeigen.

Peter Boekholt, in: Gebetsmappe der Burg Altpernstein,
Altpernstein, o. J., 50.