Montag, 8. Februar 2016
5 Jahre Memorandum "Kirche 2011"
Vor fünf Jahren haben mehr als 300 deutschsprachige Theologen zu einem Aufbruch in der katholischen Kirche aufgerufen
Münster - Es war ein Aufschrei in der katholischen Kirche. Mehr als 300 deutschsprachige Theologen muckten 2011 auf, stellten Reformforderungen in Richtung ihrer Bischöfe und in Richtung Rom. Es war die Zeit vor Papst Franziskus, der aus Argentinien kam und heute im Kleinwagen durch Rom fährt und Flüchtlingen auf der Insel Lampedusa im Mittelmeer die Hand reicht. 2011 war der heute emeritierte Papst Benedikt XVI. noch zwei Jahre im Amt. Kritiker sprechen von einer Eiszeit, von Winter, ohne Hoffnung auf Frühling.
Doch dann kam am 4. Februar 2011 der im Geheimen vorbereitete Vorstoß: Die Unterstützer veröffentlichten eine Liste mit Forderungen, riefen zu einem echten Neuanfang auf. Getrieben wurden sie vom Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und einer tiefen Kluft zwischen den Bischöfen und dem Papst und den Gläubigen.
Reaktionen waren offiziell kritisch
Als Mittel gegen den Priestermangel forderten sie, verheiratete Männer sowie Frauen als Priester zuzulassen. Die Gläubigen sollten außerdem bei wichtigen Entscheidungen mitreden und vor allem mitentscheiden können. Gottesdienste müssten moderner werden. Außerdem dürften Homosexuelle und wiederverheiratete Geschiedene nicht ausgegrenzt werden. „Wir wenden uns an alle, die es noch nicht aufgegeben haben, auf einen Neuanfang in der Kirche zu hoffen“, betonten die Theologen.
Die Reaktionen der Bischof waren offiziell kritisch, unter der Hand gab es Zustimmung. Einige, wie Felix Genn in Münster, äußerten deutlich auch bei öffentlichen Veranstaltungen ihren Ärger. „Er fühlte sich unter Druck gesetzt von dem Memorandum und hat das auch in meine Richtung so deutlich geäußert“, sagt der Mainzer Theologe Gerhard Kruip der Deutschen Presse-Agentur; er zählt zu den Initiatoren. „Wir haben damals Kollegen von der Unterschrift abgeraten. Wer nur einen Zeitvertrag als Kirchenlehrer hatte, sollte sich bewusst nicht angreifbar machen“, erinnert sich Kruip.
Ob das Theologen-Memorandum auch beim damaligen Papst Wirkung gezeigt hat? „Das ist heute schwer zu sagen. Bischof Marx hat mal so Andeutungen gemacht“, sagt der Theologe. Aus den Bistümern gab es sehr unterschiedliche Signale. Die Bischöfe Robert Zollitsch (Freiburg) und Franz-Josef Bode (Osnabrück) waren laut Kruip auch nicht begeistert. Sie sprachen sich aber für den Dialog in der Sache aus.
Der Historiker Thomas Großbölting vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster ordnet den Streit ein: „Es war eine Auseinandersetzung zwischen zwei immer kleiner werdenden Eliten: den Konservativen in der Amtskirche auf der einen Seite und den progressiven Theologen vor allem in Universitäten und Akademien auf der anderen Seite.“
Praktisch allerdings hat das Memorandum nach seiner Einschätzung kaum etwas bewirkt: Weder gebe es heute mehr Rechtssicherheit im Kirchenrecht noch Verbesserungen für kirchliche Angestellte, ganz zu schweigen von Frauen als Priester. Das sieht auch Mitunterzeichner Thomas Schüller so. Der Theologe aus Münster hofft deshalb jetzt nach der Familiensynode im vergangenen Herbst auf den Papst. „Ende März kommt es zum Schwur, wenn dann endlich Ergebnisse vorgestellt werden sollen“, sagt Schüller. Nach seiner Meinung hat der Papst einen unglaublichen Schub gebracht: „Beim Thema Ehe und Sexualität hat Franziskus dafür gesorgt, dass wieder angstfrei über die Themen diskutiert werden kann.“
Kluft teilweise noch größer
Im Verhältnis zwischen Bischöfen und Theologie-Instituten sei die Kluft nach dem Memorandum an einigen Standorten wie Münster noch größer geworden, sagt Schüller. Bei der Forderungen nach mehr Mitspracherechten für die Gläubigen sei der Papst weiter als die deutschen Bischöfe. „Franziskus hat gesagt, der Papst allein kann nichts. Aber dann muss er jetzt auch liefern und aufzeigen, wie die Bischöfe Macht abgeben können.“
Dorothea Sattler vom Ökumenischen Institut in der Uni Münster hat das Memorandum nicht unterschrieben. Die Professorin passte die Form der Kritik nicht. Sie war ihr zu knapp und wissenschaftlich zu wenig unterfüttert. „Der Streit ist in Rom registriert worden. Es gibt aber keinen kausalen Zusammenhang zu den späteren Veränderungen im Vatikan“, sagt Sattler.
Quelle: Eßlinger Zeitung >>
Vor fünf Jahren veröffentlichten Theologen Reform-Memorandum
"Aufschrei in der katholischen Kirche"
Fünf Jahre ist es her: Über 300 deutschsprachige Theologen rufen zu einem Aufbruch in der katholischen Kirche auf. Ihre Forderungen werden heute überlagert vom Wirken eines neuen Papstes. Ob das Memorandum etwas bewirkt hat, ist umstritten.
domradio.de >>
Nur ein "Aufbruch light"
Genau fünf Jahre ist es nun her, dass ein Aufschrei durch die katholische Kirche ging. Mit einem Memorandum wandten sich über 300 Theologen – vor allem aus dem deutschsprachigen Raum – an die kirchliche Obrigkeit. Der Tenor: Es seien tief greifende Reformen notwendig, um Lähmung und Resignation innerhalb der Institution zu überwinden. Das Schreiben trug den vielversprechenden Namen "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch".
Katholisch.de >>
„Kirche 2011“ - Aufschrei der Theologen ohne Folgen
Fünf Jahre nach dem Aufruf deutschsprachiger Theologen zu grundlegenden Reformen in der katholischen Kirche ziehen die Unterzeichner ein durchwachsenes Fazit.
Religion.orf.at >>
Nach dem Memorandum der 311 Theologieprofessoren
Zwei Sammelbände zum Dialogprozeß
Stimmen der Zeit >>
Memorandum der über 300 TheologieprofessorInnen
Übersicht auf Wir-sind-Kirche.de >>
Memorandum "Kirche 2011"
Dienstag, 9. Februar 2021
10 Jahre Theologen-Memorandum «Ein notwendiger Aufbruch»
Theologen-Memorandum forderte vor zehn Jahren kirchliche Reformen
Kirchenkrise, Gotteskrise – oder beides? Zehn Jahre ist es her, dass Theologen mit einem Memorandum öffentlich Reformen der katholischen Kirche forderten. Ihre Anliegen bleiben mit dem Synodalen Weg aktuell.
Katholisch.de >>
Manfred Belok: Warum die Kirche eine spirituelle Radikalisierung braucht
«Wir haben keinen Priestermangel, sondern Weihemangel», findet der Churer Pastoraltheologe Manfred Belok (69). Die Bischöfe sollten sich «glaubensstark auf das Abenteuer Wirklichkeit» einlassen. Ein Gastkommentar zehn Jahre nach dem Memorandum «Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch».
Kath.ch >>
Frauen und Männer "in gleicher Weise" zu Christus-Repräsentation berufen
Theologe Belok: Kein Priestermangel, sondern Weihemangel in der Kirche
Er könne sich nicht vorstellen, dass Gott auf der Suche nach Priestern die Augen vor qualifizierten und im Glauben bewährten Frauen verschließe, sagt Pastoraltheologe Manfred Belok. Daher müsse die Kirche die Zugangswege zum Weiheamt öffnen.
Katholisch.de >>
Blog-Archiv zum Memorandum «Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch»
Freitag, 4. Februar 2011
Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch
Seit heute (04.02.2011) ist ein wirklich beachtenswertes "Memorandum von Theologieprofessoren und -professorinnen zur Krise der katholischen Kirche" im Internet veröffentlicht. Ein wichtiges Zeichen zur richtigen Zeit, ganz besonders auch für unsere Diözese Eisenstadt.
Die Kernthese des Memorandums lautet: Die katholische Kirche kann nur dann "den befreienden und liebenden Gott Jesu Christi" verkünden, "wenn sie selbst ein Ort und eine glaubwürdige Zeugin der Freiheitsbotschaft des Evangeliums ist". Sie müsse "die Freiheit der Menschen als Geschöpfe Gottes" anerkennen und fördern, das freie Gewissen achten, sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen, natürlich dort einen flachen Freiheitsbegriff kritisieren, wo "die Würde des Menschen missachtet wird".
Das Theologen-Memorandum
"Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch"
Gut ein Jahr ist vergangen, seit am Berliner Canisius-Kolleg Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute öffentlich gemacht wurden. Es folgte ein Jahr, das die katholische Kirche in Deutschland in eine beispiellose Krise gestürzt hat. Das Bild, das sich heute zeigt, ist zwiespältig: Vieles ist begonnen worden, um den Opfern gerecht zu werden, Unrecht aufzuarbeiten und den Ursachen von Missbrauch, Verschweigen und Doppelmoral in den eigenen Reihen auf die Spur zu kommen. Bei vielen verantwortlichen Christinnen und Christen mit und ohne Amt ist nach anfänglichem Entsetzen die Einsicht gewachsen, dass tief greifende Reformen notwendig sind.
Der Aufruf zu einem offenen Dialog über Macht- und Kommunikationsstrukturen, über die Gestalt des kirchlichen Amtes und die Beteiligung der Gläubigen an der Verantwortung, über Moral und Sexualität hat Erwartungen, aber auch Befürchtungen geweckt: Wird die vielleicht letzte Chance zu einem Aufbruch aus Lähmung und Resignation durch Aussitzen oder Kleinreden der Krise verspielt? Die Unruhe eines offenen Dialogs ohne Tabus ist nicht allen geheuer, schon gar nicht wenn ein Papstbesuch bevorsteht. Aber die Alternative: Grabesruhe, weil die letzten Hoffnungen zunichte gemacht wurden, kann es erst recht nicht sein.
Die tiefe Krise unserer Kirche fordert, auch jene Probleme anzusprechen, die auf den ersten Blick nicht unmittelbar etwas mit dem Missbrauchsskandal und seiner jahrzehntelangen Vertuschung zu tun haben. Als Theologieprofessorinnen und -professoren dürfen wir nicht länger schweigen. Wir sehen uns in der Verantwortung, zu einem echten Neuanfang beizutragen: 2011 muss ein Jahr des Aufbruchs für die Kirche werden.
Im vergangenen Jahr sind so viele Christen wie nie zuvor aus der katholischen Kirche ausgezogen; sie haben der Kirchenleitung ihre Gefolgschaft gekündigt oder haben ihr Glaubensleben privatisiert, um es vor der Institution zu schützen. Die Kirche muss diese Zeichen verstehen und selbst aus verknöcherten Strukturen ausziehen, um neue Lebenskraft und Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen.
Die Erneuerung kirchlicher Strukturen wird nicht in ängstlicher Abschottung von der Gesellschaft gelingen, sondern nur mit dem Mut zur Selbstkritik und zur Annahme kritischer Impulse - auch von außen. Das gehört zu den Lektionen des letzten Jahres: Die Missbrauchskrise wäre nicht so entschieden bearbeitet worden ohne die kritische Begleitung durch die Öffentlichkeit. Nur durch offene Kommunikation kann die Kirche Vertrauen zurückgewinnen. Nur wenn Selbst- und Fremdbild der Kirche nicht auseinanderklaffen, wird sie glaubwürdig sein.
Wir wenden uns an alle, die es noch nicht aufgegeben haben, auf einen Neuanfang in der Kirche zu hoffen und sich dafür einzusetzen. Signale zu Aufbruch und Dialog, die einige Bischöfe während der letzten Monate in Reden, Predigten und Interviews gesetzt haben, greifen wir auf.
Die Kirche ist kein Selbstzweck. Sie hat den Auftrag, den befreienden und liebenden Gott Jesu Christi allen Menschen zu verkünden. Das kann sie nur, wenn sie selbst ein Ort und eine glaubwürdige Zeugin der Freiheitsbotschaft des Evangeliums ist. Ihr Reden und Handeln, ihre Regeln und Strukturen - ihr ganzer Umgang mit den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche - stehen unter dem Anspruch, die Freiheit der Menschen als Geschöpfe Gottes anzuerkennen und zu fördern. Unbedingter Respekt vor jeder menschlichen Person, Achtung vor der Freiheit des Gewissens, Einsatz für Recht und Gerechtigkeit, Solidarität mit den Armen und Bedrängten: Das sind theologisch grundlegende Maßstäbe, die sich aus der Verpflichtung der Kirche auf das Evangelium ergeben. Darin wird die Liebe zu Gott und zum Nächsten konkret.
Die Orientierung an der biblischen Freiheitsbotschaft schließt ein differenziertes Verhältnis zur modernen Gesellschaft ein: In mancher Hinsicht ist sie der Kirche voraus, wenn es um die Anerkennung von Freiheit, Mündigkeit und Verantwortung der Einzelnen geht; davon kann die Kirche lernen, wie schon das Zweite Vatikanische Konzil betont hat. In anderer Hinsicht ist Kritik aus dem Geist des Evangeliums an dieser Gesellschaft unabdingbar, etwa wo Menschen nur nach ihrer Leistung beurteilt werden, wo wechselseitige Solidarität unter die Räder kommt oder die Würde des Menschen missachtet wird.
In jedem Fall aber gilt: Die Freiheitsbotschaft des Evangeliums bildet den Maßstab für eine glaubwürdige Kirche, für ihr Handeln und ihre Sozialgestalt. Die konkreten Herausforderungen, denen sich die Kirche stellen muss, sind keineswegs neu. Zukunftsweisende Reformen lassen sich trotzdem kaum erkennen. Der offene Dialog darüber muss in folgenden Handlungsfeldern geführt werden.
1. Strukturen der Beteiligung: In allen Feldern des kirchlichen Lebens ist die Beteiligung der Gläubigen ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der Freiheitsbotschaft des Evangeliums. Gemäß dem alten Rechtsprinzip "Was alle angeht, soll von allen entschieden werden" braucht es mehr synodale Strukturen auf allen Ebenen der Kirche. Die Gläubigen sind an der Bestellung wichtiger Amtsträger (Bischof, Pfarrer) zu beteiligen. Was vor Ort entschieden werden kann, soll dort entschieden werden. Entscheidungen müssen transparent sein.
2. Gemeinde: Christliche Gemeinden sollen Orte sein, an denen Menschen geistliche und materielle Güter miteinander teilen. Aber gegenwärtig erodiert das gemeindliche Leben. Unter dem Druck des Priestermangels werden immer größere Verwaltungseinheiten - "XXL-Pfarren" - konstruiert, in denen Nähe und Zugehörigkeit kaum mehr erfahren werden können. Historische Identitäten und gewachsene soziale Netze werden aufgegeben. Priester werden "verheizt" und brennen aus. Gläubige bleiben fern, wenn ihnen nicht zugetraut wird, Mitverantwortung zu übernehmen und sich in demokratischeren Strukturen an der Leitung ihrer Gemeinde zu beteiligen. Das kirchliche Amt muss dem Leben der Gemeinden dienen - nicht umgekehrt. Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt.
3. Rechtskultur: Die Anerkennung von Würde und Freiheit jedes Menschen zeigt sich gerade dann, wenn Konflikte fair und mit gegenseitigem Respekt ausgetragen werden. Kirchliches Recht verdient diesen Namen nur, wenn die Gläubigen ihre Rechte tatsächlich geltend machen können. Rechtsschutz und Rechtskultur in der Kirche müssen dringend verbessert werden; ein erster Schritt dazu ist der Aufbau einer kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit.
4. Gewissensfreiheit: Der Respekt vor dem individuellen Gewissen bedeutet, Vertrauen in die Entscheidungs- und Verantwortungsfähigkeit der Menschen zu setzen. Diese Fähigkeit zu unterstützen, ist auch Aufgabe der Kirche; sie darf aber nicht in Bevormundung umschlagen. Damit ernst zu machen, betrifft besonders den Bereich persönlicher Lebensentscheidungen und individueller Lebensformen. Die kirchliche Hochschätzung der Ehe und der ehelosen Lebensform steht außer Frage. Aber sie gebietet nicht, Menschen auszuschließen, die Liebe, Treue und gegenseitige Sorge in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder als wiederverheiratete Geschiedene verantwortlich leben.
5. Versöhnung: Solidarität mit den "Sündern" setzt voraus, die Sünde in den eigenen Reihen ernst zu nehmen. Selbstgerechter moralischer Rigorismus steht der Kirche nicht gut an. Die Kirche kann nicht Versöhnung mit Gott predigen, ohne selbst in ihrem eigenen Handeln die Voraussetzung zur Versöhnung mit denen zu schaffen, an denen sie schuldig geworden ist: durch Gewalt, durch die Vorenthaltung von Recht, durch die Verkehrung der biblischen Freiheitsbotschaft in eine rigorose Moral ohne Barmherzigkeit.
6. Gottesdienst: Die Liturgie lebt von der aktiven Teilnahme aller Gläubigen. Erfahrungen und Ausdrucksformen der Gegenwart müssen in ihr einen Platz haben. Der Gottesdienst darf nicht in Traditionalismus erstarren. Kulturelle Vielfalt bereichert das gottesdienstliche Leben und verträgt sich nicht mit Tendenzen zur zentralistischen Vereinheitlichung. Nur wenn die Feier des Glaubens konkrete Lebenssituationen aufnimmt, wird die kirchliche Botschaft die Menschen erreichen.
Der begonnene kirchliche Dialogprozess kann zu Befreiung und Aufbruch führen, wenn alle Beteiligten bereit sind, die drängenden Fragen anzugehen. Es gilt, im freien und fairen Austausch von Argumenten nach Lösungen zu suchen, die die Kirche aus ihrer lähmenden Selbstbeschäftigung herausführen. Dem Sturm des letzten Jahres darf keine Ruhe folgen! In der gegenwärtigen Lage könnte das nur Grabesruhe sein. Angst war noch nie ein guter Ratgeber in Zeiten der Krise. Christinnen und Christen sind vom Evangelium dazu aufgefordert, mit Mut in die Zukunft zu blicken und - auf Jesu Wort hin - wie Petrus übers Wasser zu gehen: "Warum habt ihr solche Angst? Ist euer Glaube so klein?"
4. Februar 2011
www.memorandum-freiheit.de
als PDF auf Wir-sind-Kirche.at
Eine Liste der 311 Personen, die das Memorandum unterzeichnet haben, auf Wikipedia >>
Das Memorandum auf Spanisch:
Iglesia 2011: Un resurgimiento imprescindible
Rede Cristanas >>
Laicos.antropo.es >>
Eukleria >>
Reform von innen:
Theologen gegen den Zölibat
Ein kleines Redaktionsteam aus Theologen stellt einen Reformkatalog für die katholische Kirche auf und trifft damit einen Nerv: Bislang haben 144 Professoren die Schrift unterzeichnet - und verlangen darin unter anderem das Ende des Zölibats.
Süddeutschen Zeitung >>
Memorandum der Theologen:
"Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch"
143 Theologen haben den Reformkatalog unterzeichnet - bisher. Darin fordern die Theologen tiefgreifende Reformen der katholischen Kirche. Lesen Sie hier das Memorandum in voller Länge.
Süddeutsche Zeitung >>
Aufstand der Theologen : Weg mit dem Zölibat!
Der Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche in die Krise gestürzt. Nun fordern mehr als 150 TheologInnen "tief greifende Reformen", etwa Frauen als Priesterinnen.
taz >>
Montag, 7. Februar 2011
Memorandum Freiheit - Ein notwendiger Aufbruch in der katholischen Kirche
Das "Memorandum Freiheit" wurde mittlerweile von 205 Theologieprofessoren und -professorinnen unterzeichnet.
Im Internet gibt es die Möglichkeit dieses Memorandum zu unterstützen:
Unterstützung auf Facebook >>
Unterzeichnung einer Online-Petition >>
Gebet
„Die Kirche ist kein Selbstzweck. Sie hat den Auftrag, den befreienden und liebenden Gott Jesu Christi allen Menschen zu verkünden. Das kann sie nur, wenn sie selbst ein Ort und eine glaubwürdige Zeugin der Freiheitsbotschaft des Evangeliums ist.“
Um dieses Anliegen zu stützen, lade ich Sie/Euch ein, einen Moment inne zu halten und dafür zu beten, dass die Botschaft des Evangeliums in unser Zeit durch uns und durch die Kirche noch besser erfahrbar wird.
Herr Jesus Christus,
Du hast uns Deine Gegenwart zugesprochen und gesagt: “Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.”
Als Haupt Deiner Kirche wanderst Du so mit uns, ihren Gliedern, durch die Zeit.
Deshalb bitten wir Dich:
Behüte die Kirche in dieser Zeit des Aufbruchs und Wandels und bewahre uns vor Zwietracht und Spaltung.
Steh uns und Deiner ganzen Kirche bei, wenn wir darum ringen, Deine frohe Botschaft der Liebe in unserer Zeit überzeugend zu leben.
Mache uns zu einem Werkzeug deines Evangeliums, dass wir Dir und den Menschen dienen. Führe Deine Kirche auf dem Weg Deiner Wahrheit, dass die Menschen in ihr den Widerschein Deiner grenzenlosen Herrlichkeit und Liebe erfahren. Ja, Herr, lass Dein Reich durch uns in Deiner Kirche hier und heute anbrechen.
Amen.
Das Theologen-Memorandum:
Meine Unterschrift und meine noch größere Ratlosigkeit
237 TheologInnen aus dem deutschen Sprachraum haben bereits ein
Memorandum unterschrieben (Stand: 28.2.2011), das zu entschiedenen
Reformen in unserer Kirche aufruft.1 Es hat mitunter harten Widerspruch in Inhalt und Entstehensform gefunden2,
so dass ich mich gedrängt fühle, meine Motivation darzulegen, warum ich
dieses Memorandum unterschrieben habe. Motivationen sind immer
vielfältig, bisweilen unklar, und oft kommen wir uns selbst nicht immer
auf die Spur. Daher hat mich gerade die Kritik der letzten Tage zu einer
erneuten Prüfung meiner Motive herausgefordert. Es scheint mir wichtig
zu sein, auch auf dieser emotionalen, von Ängsten, Sorgen und
Enttäuschungen, aber vielleicht auch Wut und Resignation durchzogenen
Ebene miteinander zu sprechen, wenn ein Dialog gelingen sollte. Ein
Dialog in der Kirche spricht immer „von Herz zu Herz“, wie Newman es in
seinem Kardinalswappen ausdrückte. Beginnen aber kann ein solcher Dialog
nur, wenn jemand beginnt, etwas in sein Herz blicken zu lassen. Ich
hoffe, dass mir dies hier etwas gelingt. Sonst sprechen wir wie
rivalisierende Parteien im Kampf um Aufmerksamkeit und Quoten. Bei Euch
aber soll es nicht so sein, …!
Univ.Prof. Siebenrock Roman auf Uni Innsbruck >>
Montag, 31. Januar 2011
Memorandum zur Zölibatsdiskussion
Wie am Samstag, 29.01.2011 angekündigt, möchte ich ein bisher nicht öffentlich zugängliches Schreiben veröffentlichen. Der 42-jährige Josef Ratzinger dachte einmal ganz anders über die Zölibatsproblematik als heute. Folgendes Memorandum wurde von ihm mitunterzeichnet:
"Die Unterzeichneten, die durch das Vertrauen der deutschen Bischöfe als Theologen in die Kommission für Fragen der Glaubens- und Sittenlehre der Deutschen Bischofskonferenz berufen worden sind, fühlen sich gedrängt, den deutschen Bischöfen folgende Erwägungen zu unterbreiten.
Unsere Überlegungen betreffen die Notwendigkeit einer eindringlichen Überprüfung und differenzierten Betrachtung des Zölibatsgesetzes der lateinischen Kirche für Deutschland und die Weltkirche in ganzen (weil beide Gesichtspunkte nicht gänzlich voneinander getrennt werden können). Ob man diese erneute Prüfung "Diskussion" nennen will oder nicht, ist ein sekundäres, terminologisches Problem. Über die Frage, wie diese Überprüfung angestellt werden könnte, soll in folgenden noch einiges gesagt werden (vgl. bes. V)"
Memorandum zur Zölibatsdiskussion (5.2.1970) >>
Ratzinger zweifelte an Zölibat
Den Inhalt darf man gut und gerne als Sensation bezeichnen: 1970 stellten neun Bischöfe in einem Memorandum den Pflichtzölibat in Frage. Einer der Unterzeichner war Joseph Ratzinger. Der ist heute Papst.
Süddeutsche Zeitung 28.1.2011 >>
Memorandum befeuert Zölibatsdebatte
Ratzingers Argumente
Die "Süddeutsche Zeitung" verkaufte es am Freitag als Sensation: Dabei ist das Memorandum der Theologen Karl Rahner, Walter Kasper, Karl Lehmann und Joseph Ratzinger schon Anfang der 1970er Jahre veröffentlicht und heftig diskutiert worden. Brisanz hat das jetzt wieder ausgegrabene Schreiben dennoch.
domradio.de >>
Kein holländischer Revoluzzer
Professor Joseph Ratzinger und die Debatte um die priesterliche Ehelosigkeit: Zur Entstehung und Wirkung des Memorandums von 1970.
Die Tagespost 2.2.2011 >>
Montag, 6. Juni 2011
Diskussion in Münster über das Theologen-Memorandum
Professoren verteidigen Memorandum – Zekorn skeptisch
Drei münstersche Professoren haben den Inhalt des umstrittenen Memorandums deutscher Theologen zum Reformbedarf der katholischen Kirche verteidigt. Bei einer Diskussion der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster am Dienstag (31.05.2011) begrüßte auch Margret Pernhorst, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), den Text. Weihbischof Stefan Zekorn als Vertreter des Bistums ließ dagegen Zurückhaltung erkennen.
Beitrag auf der Kirchensite des Bistums Münster>>
Mittwoch, 6. April 2011
Veranstaltungsreihe "Kirche brennt" diskutiert Theologen-Memorandum
Der Kirchenhistoriker Prügl bezweifelte, dass sechs im Memorandum hervorgehobene Punkte "im Zentrum der gegenwärtigen Krise und im Zentrum dessen, was Kirche sein soll... ", stehen. Er unterstütze das Papier nicht, weil einerseits darin genannte Schwerpunkte "zu unzusammenhängend sind, um wirklich ein Reformprogramm auszudrücken". Auch störe ihn die "aggressive Form der Meinungskundgebung", die zudem eine "verkürzte Darstellung von komplexen Themen" darstelle.
Gesamter Artikel auf Kathweb >>
Freitag, 18. März 2011
Wider dem Vergessen - jahrzehntelange Führungs- und Vertrauenskrise der Kirche
Die Krise der katholischen Kirche ist eine Kirchenleitungskrise, wie Hans Küng in seinem neuesten Buch "Ist die Kirche noch zu retten?" geschrieben hat.
Heute ist mir ein äußerst interessenates Dokument aus dem Jahre 1972 untergekommen. Vor Ostern 1972 hat eine Gruppe von 33 Thelogieprofessoren einen Aufruf "Wider die Resignation in der Kirche" veröffentlicht. Dieses Dokument ist heute aktueller denn je und unbedingt lesenswert.
Das umlängst veröffentlichte und von mittlerweile über 300 Theologieprofessoren und -professorinnen unterstützte Memorandum für einen notwendigen Aufbruch in der Kirche 2011 ist dagegen allerdings ein "Kinderfasching".
Was auch interessant ist. Der Theologe Walter Kasper aus Tübingen hat diesen Aufruf vor rund 40 Jahren unterzeichnet und unterstützt. Mittlerweile ist er Kurienkardinal und enttäuscht vom Memorandum und den Anliegen für eine notwendige Kirchenreform >>. Wie nett - oder wie soll man das bezeichnen?
Dieser Aufruf spricht bereits vor 40 Jahren klar und offen über die Situation sowie notwendige Reformen in der Kirche:
- Die katholische Kirche befindet sich mitten in einer vielschichtigen Führungs- und Vertrauenskrise.
- ...während sich die offiziellen kirchlichen Stellen in den sehr verschiedenartigen Schwierigkeiten mit Klagen und Mahnungen begnügen oder zu willkürlichen Sanktionen greifen, geben immer mehr Priester ihren Dienst auf, und der Nachwuchs nimmt in quantitativer und qualitativer Hinsicht ab.
- ...viele der besten Seelsorger haben den Eindruck, daß sie in ihren entscheidenden Sorgen von ihren Bischöfen und oft auch von Theologen im Stich gelassen werden.
- Zwar haben sich einige Episkopate und Einzelbischöfe die Sorgen ihrer Kirchen allen Ernstes zu eigen gemacht. Aber die meisten Bischofskonferenzen konnten sich nur in zweitrangigen Fragen zu konstruktiven Lösungen entschließen und haben viele Erwartungen von Klerus und Volk enttäuscht.
- Sucht man ...Gründe für die gegenwärtige Führungs- und Vertrauenskrise, so wird man sie nicht nur bei bestimmten Personen oder Amtsträgern... suchen dürfen. Es ist vielmehr das kirchliche System selbst, das in seiner Entwicklung weit hinter der Zeit zurückgeblieben ist und noch immer zahlreiche Züge eines fürstlichen Absolutismus aufweist: Papst und Bischöfe als faktisch weithin allein herrschende Herren der Kirche, die legislative, exekutive und judikative Funktionen in ihrer Hand vereinigen.
- ...die Nachfolger (Anm.: der Bischöfe) werden nach Kriterien der Konformität ausgewählt....Ernennung der Bischöfe in Geheimverfahren ohne Mitwirkung des betreffenden Klerus und Volkes...
- Die Kirche ist nicht nur weit hinter der Zeit, sondern auch und vor allem weit hinter ihrem eigenen Auftrag zurückgeblieben... Deshalb stellt man heute einen eigenartigen Kontrast zwischen dem Interesse an Jesus selber und dem Desinteresse an der Kirche fest.
- Überall wo die Kirche statt Dienst an den Menschen Macht über den Menschen ausübt, überall wo ihre Institutionen, Lehren und Gesetze Selbstzweck werden, überall wo ihre Sprecher persönliche Meinungen und Anliegen als göttliche Gebote und Anordnungen ausgeben, da wird der Auftrag der Kirche verraten, da entfernt sich die Kirche von Gott und den Menschen zugleich, da gerät sie in die Krise.
- Überwunden werden kann die Krise der Kirche nur dadurch, daß sich die gesamte Kirche ... erneut auf ihre Mitte uind ihr Fundament besinnt: das Evangelium Jesu Christi.
- Wie soll man sich in dieser Situation verhalten?
1. Nicht schweigen ....
2. Selber handeln ...
3. Gemeinsam vorgehen ...
4. Zwischenlösungen anstreben ...
5. Nicht aufgeben ...
Zum ganzen Aufruf - veröffentlicht in der Herder Korrespondenz 5/26 >>
Samstag, 29. Januar 2011
Ratzinger war gegen den Zölibat
Eine deutsche Zeitung enthüllt ein altes Schreiben, in dem der heutige Papst gegen die Ehelosigkeit argumentiert. Als Joseph Ratzinmger jung war, zweifelte er am Pflichtzölibat. Der Zölibat könne keine Fixpunkt in der Kirche bleiben.
Zum gesamten Kurier-Artikel>>
Diese Meldung in der Süddeutschen:
Ratzinger zweifelte an Zölibat
Den Inhalt darf man gut und gerne als Sensation bezeichnen: 1970 stellten neun Theologen in einem Memorandum den Pflichtzölibat in Frage. Einer der Unterzeichner war Joseph Ratzinger. Der ist heute Papst.
Zum gesamten Artikel >>
Anmerkung:
Am Montag, 31.01.2011 werde ich dieses Schreiben vom 09. Feber 1970 an die Deutsche Bischofskonferenz in vollem Umfang auf dem Blog veröffentlichen. Dieses Schreiben war lt. KURIER bisher nicht öffentlich zugänglich.
Mittwoch, 30. März 2011
Dekanatsvesper mit Bischof Ägidius in Oberschützen

Die vorletzte der Dekanatsvespern 2011 der Diözese fand gestern in meinem Dekanat Pinkafeld statt. Zur abschließenden Vesper um 18 Uhr waren neben den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch alle Gläubigen des Dekanats ins Christophorushaus nach Oberschützen eingeladen. Auch ich nahm daran teil und war über die rege Teilnahme erfreut.
Bischof Ägidius ging in seiner Predigt auf die drei Säulen der Urkirche ein, wie sie in der Apostelgeschichte aufgeschrieben sind.
Besonders berührt und angesprochen hat mich das Segensgebet:
Gottes Zärtlichkeit sei unsere Kraft in den Beziehungen.
Gottes Gerechtigkeit sei unsere Anstiftung zur Solidarität.
Gottes Zuwendung sei unsere versöhnende Bereitschaft in Konflikten.
Gottes Beharrlichkeit sei unser langer Atem im Mitgestalten einer menschlichen Welt.
Gottes Fantasie sei unser Vertrauen im achtsamen Umgang mit der Schöpfung.
Gottes Geduld sei unsere wegweisende Spur im unermüdlichen Suchen des Guten in jedem Menschen.
So segne uns der barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen
Anschließend ergab sich noch bei einem Gläschen Wein so manch gutes und interessantes Gespräch. Ich hatte erfahren, dass beim Treffen der Hauptamtlichen unter anderem auch ausführlich über meinen Blog gesprochen wurde. Offensichtlich gibt es da einige Missverständnisse.
Aber alle, die meinen Blog regelmäßig lesen, wissen, worum es mir geht. Von Anbeginn an waren und sind die notwendigen Reformen in der katholischen Kirche Themen die ich aufgreife. Ich möchte mit diesem Blog zu einem lebhaften Dialog im Sinn des Evangeliums beitragen und an einer glaubwürdigen Kirche mitarbeiten, die offen ist für die Zeichen der Zeit. Eine tiefgreifende Kirchenreform, der Dialog sowie auch Glaubenserneuerung und -vertiefung (siehe Sonntagsmeditationen) sind mir ein Herzensanliegen. Wie ersichtlich, kommen nicht alle Gedanken von mir persönlich. Ich verwende viele Zitate sowie Verweise und gebe die Möglichkeit zu Gastbeiträgen.
Sehr viele Menschen haben Sehnsucht nach Reformen. Zuletzt hat sich das eindrucksvoll gezeigt beim "Memorandum von Theologieprofessoren und -professorinnen zur Krise der katholischen Kirche", das von über 300 Theologen unterzeichnet und mittlerweile von zehntausenden Menschen unterstützt wird. Aber auch die Tätigkeit der vielen kirchlichen Reformgruppen und Initiativen (Priesterinitiative, Priester ohne Amt, Wir sind Kirche, Laieninitiative, Forum XXII und viele andere mehr) zeigen das nachhaltige und breite Verlangen des Kirchenvolkes nach Reformen.
Ich hatte auch die Möglichkeit zu einem ausführlichen und sehr persönlichen Gespräch mit Bischof Ägidius und Generalvikar Lang, bei dem ich meine Motivation und die Entstehung des Blogs "Begegnung & Dialog" ansprechen konnte.
Montag, 15. Oktober 2012
„Wir erleben derzeit einen Gärungsprozess“
HK: Herr Professor Kaufmann, innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland sorgt derzeit ein ganzes Bündel an Krisenphänomenen für Diskussionen. Was ist der Kern der gegenwärtigen Schwierigkeiten?
Kaufmann: Krisen sind in modernen Gesellschaften allgegenwärtig. Der Ausbruch aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit hat nicht zu einem Reich der Freiheit geführt, wie es die Aufklärung zuerst erwartet hat. Zwar wurden die Fesseln der Tradition gesprengt, so die Interpretation des Historikers Reinhart Koselleck, aber die Folge war ein fortgesetzter Wandel, ein Feld voller Spannungen, in dem sich die Menschen und ihre Gedanken behaupten müssen. Dieser Prozess hat in den vergangenen Jahren die katholische Kirche erreicht, viel stärker als zuvor. Recht lange hatte die Kirche durch ihre antimodernistische Selbstbehauptung seit dem 19. Jahrhundert, die in den Dogmen von 1870 kulminierte, die Katholiken und ihre sozialen Milieus vor diesen Einflüssen bewahren können.
HK: Was ist die Folge dieser bereits seit einiger Zeit andauernden Entwicklung?
Kaufmann: Die Phase, in der der Katholizismus von einer Sakralisierung seiner Organisation samt seiner Spitze zehrte, geht offenkundig zu Ende. Das ist der Kern dessen, um das es hier geht. Die Katholiken sehen inzwischen kritischer auch auf ihre eigene Kirche. Sie entdecken Vieles, was nicht nur einfach ungleichzeitig oder alternativ ist, sondern auch keine Überzeugungskraft mehr besitzt. Zum Beispiel der Umstand, dass die Kirche das Recht immer noch wie im 18. Jahrhundert ohne feste Regeln handhabt, dass Frauen nicht im gleichen Maße berücksichtigt werden wie Männer, oder dass die Entfremdung zwischen den Laien und dem Klerus größer wird - in einer Zeit, in der eher mehr Solidarität innerhalb der Kirche notwendig wäre. Und dann kam jetzt mit dem Missbrauchsskandal noch hinzu, was Erzbischof Robert Zollitsch die größte Krise der katholischen Kirche in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg genannt hat. Das Bekanntwerden des Missbrauchs hat deshalb so gravierend eingeschlagen, weil er dem Selbstverständnis der Kirche so hart ins Gesicht schlägt. Diese breite Vertrauenskrise wurde verstärkt, weil diese Dinge aus Kirchenräson so lange als möglich vertuscht worden sind. Alle anderen Krisenphänomene sind eher Probleme der gebildeteren Gläubigen.
HK: Manche sehen vor allem im Rückgang von Glaubenswissen und gelebter Religiosität den Wurzelgrund für alle anderen Krisenphänomene. Welche Rolle spielt die derzeit nicht weniger oft diagnostizierte Glaubenskrise für die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche?
Kaufmann: Was man Glaubenskrise oder auch Gotteskrise nennt, ist gar nicht so eindeutig dingfest zu machen. Evident ist der Rückgang der Gottesdienstbeteiligung, der Rückgang des religiösen Wissens, die Verbannung der Religion an die Ränder unserer Kultur, vor allem der medialen Kultur. In der Moderne hat sich die gesellschaftliche Verfassung des Christentums grundlegend gewandelt, weil es sich in die hoch organisierten Kirchen einerseits und ein diffuses christlich imprägniertes Ethos in der Gesellschaft andererseits ausdifferenziert hat, die untereinander nur noch lose Beziehungen haben. Das ist eine völlig neue kulturelle Konstellation. Auch darauf hat sich die Kirche noch nicht richtig eingestellt. Aber dass der Gottesglaube unter Katholiken früher eine größere Rolle gespielt hat als heute, wie man gelegentlich behauptet, ist gar nicht so sicher.
„In der Periode des Antimodernismus gelang eine historisch vermutlich einmalige Synthese“
HK: Inwiefern haben Sie daran Zweifel?
Kaufmann: War das Gottesbild, wie es die Bibel zeichnet, jemals massenwirksam?, ist meine Gegenfrage. Diesen Glauben hatten wir innerhalb der Kirche höchstens in kleinen Kreisen erreicht, etwa in einzelnen Orden und anderen besonders religiös elitären Zirkeln. Mindestens bis in das 18. Jahrhundert hinein war die Magie ein ganz starkes Moment im gelebten Glauben von Christen. Vieles von dem, was seitdem unter der Theodizeefrage verhandelt wird, ist der Vorstellung von Gott als einer Art Superman geschuldet, der die Geschicke der Welt lenkt und dieses oder jenes bewirken kann und auch soll. Jesu Aufforderung, in seinem Namen zu bitten, ist aber so mit Sicherheit nicht gemeint gewesen. Natürlich ist es eine schöne Geste, wenn der Trainer der italienischen Fußball-Nationalmannschaft für einen Sieg eine Wallfahrt verspricht - und sie dann auch macht. Aber das jesuanische Glaubensverständnis wollte darüber hinausführen.
HK: Was heißt das aber nun für das Verhältnis der vielschichtigen Säkularisierungsprozesse und der Bedeutung des christlichen Glaubens?
Kaufmann: Kardinal Walter Kasper hat das Wort von der Glaubenskrise gegen die Strukturkrise in Position gebracht. Das war meines Erachtens nicht ganz glücklich. Johann Baptist Metz hatte zuvor schon länger von der Gotteskrise gesprochen, aber was eigentlich darunter zu verstehen sei, blieb unklar. Hans-Joachim Höhn spricht von einer Dispersion des Glaubens in den säkularen Bereich hinein, aber das hat es früher genauso gegeben. In der Periode des Antimodernismus gelang eine historisch vermutlich einmalige Synthese von Hochreligion und Volksreligion. Dabei blieb für den katholischen Volksteil weitgehend erhalten, was für das Mittelalter selbstverständlich war: die religiöse Durchdringung der Hoch- und der Alltagskultur. Heute dagegen werden große Teile unseres Alltags und der kulturellen Vorstellungen vom explizit Christlichen nicht mehr berührt. Man darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht vergessen, dass das Christentum dennoch in unserer Kultur weiter wirkt. Wenn man die europäischen Wohlfahrtsstaaten mit anderen entwickelten, etwa asiatischen Staatswesen vergleicht, so wird deutlich, dass es dort keinen Respekt und keine Sicherheit für die sozial Benachteiligten außerhalb der Familie gibt. Wir sind nicht so egoistisch wie viele andere Kulturen. Unser Ethos der Hilfe wirkt bis in die aktuelle Solidarisierung der Staaten für den Euro, auch wenn da natürlich andere Interessen dominieren.
HK: Umgekehrt vertreten Sie die These, dass damit gleichzeitig die Verkirchlichung des Christentums einherging. Aber selbst die Kirche scheint doch offenkundig immer größere Schwierigkeiten damit zu haben, den christlichen Glauben lebendig zu halten ….
Kaufmann: Tatsächlich hängt die Frage nach der Attraktivität der Kirche daran, ob man ihr zutraut, dass sie etwas mit dem Göttlichen zu tun hat. Gescheitert ist jedoch die Präsentation in einer sakralen Form, bei der sich die Kirche fast an die Stelle Gottes setzt. Seit dem Mittelalter beanspruchen Päpste den Titel eines Stellvertreter Christi, der über die Fürsten dieser Welt befinden kann. Der Titel Vicarius Christi kam ursprünglich allen Priestern zu, weil sie in persona Christi das Messopfer darbringen sollen. Nun warf sich aber der Papst zum Zuchtmeister der Christenheit und zum Legitimationsbeschaffer für die Fürsten und Könige seiner Zeit auf. Diese Tradition ist über das Erste Vatikanum hinaus bis ins kirchliche Gesetzbuch von 1983 hinein wirksam. Die Folge ist bis heute eine auf undiskutablem Befehl und bedingungslosem Gehorsam beruhende hierarchische Ordnung, in der zuoberst neben dem Stellvertreter Christi viele Stellvertreter des Stellvertreters Christi agieren, die zuvorderst im Vatikan sitzen.
HK: Wie müsste demgegenüber die Kirche heute beschaffen sein, wenn sie sowohl für die eigenen Gläubigen als auch andere anziehender werden wollte?
Kaufmann: Ich frage mich, ob die Kirche mit der Sakralisierung der eigenen Hierarchie nicht genau jene Lücke moderner Gesellschaften verdeckt, die Jürgen Habermas das durch die Aufklärung Unabgegoltene der Religion nennt, anstatt sie sichtbar zu machen. Unsere Kultur braucht - im Sinne der negativen Theologie - Diskurse und zeichenhafte Taten, welche verdeutlichen, dass die Sehnsucht der Menschen über Wirtschaftswachstum und längere Lebenserwartung hinausreicht. Denn es ist ziemlich naheliegend, dass in einer relativ saturierten Gesellschaft wie der unseren Gott viel weniger „gebraucht“ wird als in einer stärker von Nöten geprägten. Allerdings gibt es auch heute psychische und materielle Nöte, die stärker anzusprechen den Kirchen gut anstehen würde. Caritas und Diakonie wissen davon durchaus ein Lied zu singen.
„Die gegenwärtige Situation wird sich nicht mit einem großen Kraftakt verändern lassen“
HK: Was wären da für Wege denkbar, um dem grassierenden Schwund an Vertrauen in die Kirche effektvoll entgegenzuwirken?
Kaufmann: Grundsätzlich müssen alle Verantwortlichen in der Kirche sich im Sinne des Missionsauftrags um plausible Angebote für die Gläubigen und Distanzierten bemühen. Wenn am Sonntag weniger Gottesdienste nachgefragt werden, ist es ein Irrtum zu meinen, dass man nur noch weniger anbieten müsse, und vor allem auch keine Alternativen anzubieten brauche. So geht eine Firma pleite - wenn man einmal einen solchen Vergleich ziehen darf. Die Kirche muss sich darüber hinaus immer wieder auch mit ihrem inneren Zustand beschäftigen. Da sieht man nun den rapiden Rückgang der Priesterweihen, der weniger mit einem Glaubensschwund zu tun hat, als ob etwa die jüngeren Theologen weniger gläubig seien, sondern mit der geringen Attraktivität dieses Berufs. Der Beruf des Weltpriesters hat jedenfalls im Unterschied zum Herrn Pfarrer unserer Jugend kein anziehendes Profil mehr. Nicht zuletzt deshalb ist auch die Zölibatsverpflichtung für Weltpriester heute problematisch, denn woher sollen sie noch emotionale Unterstützung bekommen, wenn ihnen keine Verwandte mehr den Haushalt führt? Das Thema ist ernst zu nehmen, denn es gibt genügend Hinweise, dass bei vielen Priestern eine Motivationskrise herrscht; ob sie bis in den Episkopat hineinreicht, kann man nur vermuten. Das aber ist der Frohen Botschaft nicht förderlich.
HK: Welche Zukunft kann dann aber die Kirche in unseren Breiten überhaupt noch haben?
Kaufmann: Es steht nicht zu befürchten, dass sich das Volkskirchliche vollkommen auflöst. Man sollte deshalb auch die Milieus, soweit sie noch vorhanden sind, pflegen - und da sind die gegenwärtigen Gemeindereformen Gift. Möglicherweise werden wir eher auf ein Beteiligungsniveau der evangelischen Kirchen schrumpfen, aber die meisten Menschen gehen noch davon aus, dass man die Kirchen irgendwo schon braucht - bis eine Bewegung kommt, die das Kirchensteuersystem energisch in Frage stellt. Aber da könnte Hilfe von unerwarteter Seite kommen, weil die Muslime und andere Glaubensgemeinschaften diese Möglichkeiten der Finanzierung auch gerne hätten. Wir werden in jedem Fall ein pluriformes Religionssystem in Deutschland bekommen, in dem aber die katholische Kirche immer noch ein wichtiger Akteur und wahrscheinlich auch fähig zur Agendasetzung bleiben wird. Die Kirche ist eine so tief in der Weltgeschichte verankerte Größe, dass man sich um ihren Untergang auch bei uns keine Sorgen machen muss, wohl aber um ihren Einfluss- und Bedeutungsverlust.
HK: Was aber sind angesichts des von Ihnen diagnostizierten Vertrauensschwunds und der zunehmenden Entfremdung zwischen den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens die Handlungsoptionen für die Kirche, um ein solches Schrumpfen möglicherweise doch in Grenzen halten zu können oder gar den Trend umzukehren?
Kaufmann: Soziologen sind in erster Linie Diagnostiker und es ist nicht ihre Aufgabe, Empfehlungen für die Zukunft zu geben. Als Selbstbeschreibung der Praxisrelevanz der Soziologie besonders treffend finde ich weiterhin einen Satz von Karl Marx: „Man muss diesen versteinerten Verhältnissen ihre Melodie vorsingen, dann fangen sie an zu tanzen.“ Was ich als Soziologe immerhin auch sagen kann: Die gegenwärtige Situation wird sich nicht mit einem großen Kraftakt verändern lassen. Die Geschichte geht immer noch über unsere Köpfe hinweg. Das ist gerade die Desillusionierung des aufklärerischen Fortschrittsglaubens gewesen: Wir können gar nicht so furchtbar viel machen, schon gar nicht so schnell, wie das oft gewünscht wird. Der Dialogprozess oder wie immer man diesen Vorgang auch nennen will, ist da eine Illusion - zumal dieser gerade durch die Struktur der katholischen Kirche selbst beeinträchtigt wird.
„Es geht zentral um das Problem der Mitbestimmung“
HK: Das heißt, ein Dialog innerhalb eines betont hierarchisch strukturierten Gebildes ist eine Art hölzernes Eisen?
Kaufmann: Die Bischöfe können eigentlich gar nichts konzedieren. Und auf der anderen Seite sind sie offensichtlich nicht in der Lage, überzeugend darzulegen, dass das, was in der römischen Kirche Lehre und Praxis ist, auch für unsere Zeit das Richtige ist. Da ist dann schon sehr fragwürdig, was mit einem solchen Dialogprozess gelingen soll.
HK: Ist der Dialog- oder Gesprächsprozess, wie ihn die Bischöfe lieber nennen, damit von vorneherein zum Scheitern verurteilt?
Kaufmann: So weit würde ich nicht gehen. Er kann immerhin wechselseitiges Verständnis schaffen. Es wäre ja äußerst wichtig, dass Laien, Kleriker und die Bischöfe miteinander unvoreingenommen sprechen. Das war das Großartige der Würzburger Synode, die eben für jene Generation auch bei den Bischöfen ein vertieftes Verständnis der Probleme der Laien mit sich gebracht hat, das bei den jüngeren Bischöfen heute nicht mehr so sehr vorhanden ist. Insofern kann man dem Dialogprozess schon etwas abgewinnen. Aber er wird wahrscheinlich auch zur Einsicht führen, dass die meisten Petita, die beispielsweise das Memorandum der Theologen im vergangenen Jahr aufgelistet hat, beim gegenwärtigen Zustand des Kirchenrechts nicht genehmigt werden können.
HK: Konkret wird in diesem Zusammenhang von verschiedenen Seiten gefordert, dass es in der katholischen Kirche auf allen Ebenen mehr synodale Strukturen brauche. Wäre das ein geeigneter Ansatz zur Überwindung der gegenwärtigen Schwierigkeiten?
Kaufmann: In der Tat geht es zentral um das Problem der Mitbestimmung, die unterschiedliche Formen annehmen kann. Ich spreche bewusst nicht von „Demokratie“. Im Unterschied dazu ist das Wort „synodal“, das bereits aus der alten Kirche stammt, kein säkulares Wort und daher geeigneter. Ebenso wichtig ist die Subsidiarität in der Kirche. Beides sind jedoch Dinge, die vom gegenwärtigen Kirchenrecht weitgehend ausgeschlossen werden. Es muss jedoch erst dem Weltepiskopat klar werden, dass die einseitige Abhängigkeit, in die das Kirchenrecht die Bischöfe von der römischen Zentrale bringt, etwas ist, was mit unserem Ethos heute eigentlich nicht mehr vereinbar ist.
HK: Warum ist dieses Auseinanderdriften zwischen dem Ethos der Menschen heute und den Selbstverständlichkeiten innerhalb des Sozialkörpers Kirche so gravierend? Was sind die entscheidenden Divergenzen?
Kaufmann: Die Welt hat sich seit dem 18. Jahrhundert verändert. Wir haben andere Normen, gegen die auch die Kirche ansonsten nichts einzuwenden hat: Sie bejaht Religionsfreiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit. Aber in ihren eigenen Strukturen bleibt sie in einem absolutistischen Modell befangen, das zudem, jedenfalls im Vatikan, nicht wirklich regelgebunden und daher verlässlich ist. Dass es keine Rechtskultur in der katholischen Kirche gibt, ist da zunehmend ein Ärgernis. Man muss hier im Übrigen durchaus unterscheiden zwischen dem Jurisdiktionsprimat des Papstes, den ich nicht in Frage stelle, und einem Recht in der Kirche, dessen Handhabung nicht im Belieben der kurialen Behörden liegen sollte.
HK: Solange sich an diesen Punkten nichts ändert, braucht man also auch nicht über die so genannten heißen Eisen diskutieren ….
Kaufmann: Man darf zumindest keine Lösungen erwarten. Ob eine stärkere Beteiligung von Frauen oder die Frage der Ehelosigkeit der Weltpriester: All diese Dinge werden bisher zentral entschieden, haben aber völlig unterschiedliche Wirkungen in den verschiedenen Ortskirchen - je nach Mentalität der Leute.
HK: Gilt das auch für das spezifische Verhältnis der deutschen Katholiken zum Vatikan?
Kaufmann: Viele Probleme entstehen tatsächlich dadurch, dass Deutschland ein Land der Reformation ist, und deshalb auch die Katholiken von der hohen Bedeutung der Wahrhaftigkeit, der Konsistenz zwischen Sprechen und Handeln und von der Würde des Rechts besonders überzeugt sind. Das ist in den südlichen Ländern - wie man jetzt an der Finanzkrise und den Diskussionen über die Zukunft des Euro sieht - keineswegs so ausgeprägt. Das ist wohl auch im Vatikan so. Die Italianità hat immerhin den großen Vorteil, dass sie in keiner Weise fundamentalistisch ist. Leben und leben lassen: Diese Maxime hat für das Klima in der Kirche auch seine Vorteile. Die italienischen Katholiken zeichnet eine merkwürdige Mischung aus Anhänglichkeit und Zynismus gegenüber der Kirche aus. Sie sind gewissermaßen daran gewöhnt, dass diese nicht tut, was sie sagt. Der Vatikan reagiert deshalb auch viel schärfer, wenn kirchliche Regeln in Frage gestellt, als wenn sie massenhaft verletzt werden. Das ist für uns Deutsche ein Ärgernis.
„Die Spannungen sind noch zu latent und vor allem noch nicht genügend artikuliert“
HK: Welche Rolle spielt dabei die zuletzt sehr starre Interpretation des kirchlich geforderten Gehorsams?
Kaufmann: Das kommt als Schwierigkeit noch dazu. Das ist gewissermaßen der moralische Überbau über dem Recht. Da hat man ganz besonders das Gefühl, dass die entsprechende Rhetorik in Deutschland ernster genommen wird als in anderen Ländern. Auch hier gilt, dass Katholiken, die auch vom Protestantismus geprägt sind, das alles viel ernster nehmen. Das mag belastend wirken.
HK: Es ist sicher kein Zufall, dass Benedikt XVI. gerade angesichts der Spezifika der deutschen Ortskirche bei der jüngsten Reise in sein Heimatland in Freiburg mehr „Entweltlichung“ innerhalb der Kirche gefordert hat. Gibt es in diesem Begriff auch Potenzial zur Überwindung der Krise?.
Kaufmann: In einem Punkt ist dem Papst durchaus recht zu geben. Für die Kirche ist es wichtig, dass ihre aus dem Glauben abgeleiteten Prioritäten die erste Stelle einnehmen - und nicht diejenigen des Rechtes oder des Geldes als die beiden Dominanten in unserer Gesellschaft. Aber der Begriff „Entweltlichung“ ist ein unglücklicher Begriff für das, was damit gemeint ist, weil er eine Dichotomie von Kirche und Welt behauptet, die es so in der Realität gar nicht gibt - wie alle diese Dichotomien nicht weiterhelfen. Die Kirche ist eine wesentlich geschichtliche Größe: Nur im Rückblick kann man im Ineinander von Heils- und Profangeschichte heilsgeschichtliche Momente ausmachen.
HK: Zumal man dann auch fragen müsste, was Entweltlichung für die Kurie und den Vatikan heißt ….
Kaufmann: Dazu wäre tatsächlich einiges zu sagen, wenn man derzeit allein an die Vatikanbank denkt.
HK: Die Aufgabe der Bischöfe, für die Positionen des Lehramts zu werben, ist das Eine. Gibt es umgekehrt nicht auch eine Bringschuld der Bischöfe, die Anliegen und Sorgen ihrer Ortskirchen in Rom vorzutragen?
Kaufmann: Das klassische Beispiel ist hier die Frage der Schwangerschaftskonfliktberatung, die ein ganz prominenter Knickpunkt in dem zuvor vertrauensvollen Verhältnis zwischen der deutschen Kirche und Rom geworden ist. Ich bin überzeugt, dass es nach wie vor Bischöfe gibt, die versuchen, in Rom mit Klugheit für bestimmte Dinge einzutreten. Aber viele Punkte sind auch rechtlich derart festgezurrt, dass es nicht damit getan ist, bei einzelnen Kardinälen oder gar beim Papst um Verständnis zu werben. Der heute viel gescholtene, aber durchaus bedeutende Paul VI. war im Grunde der einzige Papst, der diese Probleme angepackt hat.
HK: Inwiefern? Was waren seine entscheidenden Verdienste?
Kaufmann: Er hat eine Kurienreform umgesetzt und Vorarbeiten zum neuen kirchlichen Gesetzbuch durchgeführt. Als die Arbeiten dann unter Johannes Paul II. abgeschlossen worden sind, ist die vorgesehene Verwaltungsgerichtsbarkeit wieder herausgefallen. Bemerkenswert ist aber auch, wie er das Konzil in einer Weise zu Ende führte, die die Einheit der Kirche mit allen Spannungen und Widersprüchen bewahrt hat. Bei früheren Konzilien hat man sich manches Mal fast die Köpfe eingeschlagen, nach jedem bedeutenden Konzil hat es Abspaltungen gegeben. Von daher ist unsere Kirche heute nicht besonders gespalten. Da sind die Probleme mit den Piusbrüdern, denen man viel zu viel Bedeutung zumisst, minimal.
HK: Aber wie könnte denn überhaupt der jüngst auch von Ihnen beklagte römische Zentralismus überwunden werden? Wie sinnvoll sind vor diesem Hintergrund die Forderungen nach einem Dritten Vatikanischen Konzil, wenn man eher befürchten müsste, dass angesichts der Bischofsernennungen der vergangenen Jahrzehnte die Versammlung insgesamt einen stark strukturkonservativen Zug haben würde?.
Kaufmann: Dass die Kurie heute noch ein Konzil steuern könne, haben Kurienkardinäle vor dem Beginn des Zweiten Vatikanums auch geglaubt. Ich meine allerdings nicht, dass die Zeit schon reif ist für ein neues Konzil. Dafür sind die Spannungen noch zu latent und vor allem noch nicht genügend artikuliert. Nicht zuletzt in den oberen Etagen der Kirche müssten sich erst noch klarere Überzeugungen herauskristallisieren. Das kann noch einige Umwege mit sich bringen. Wir erleben derzeit einen Gärungsprozess. Die Kirche hat mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen großen Schritt in Richtung eines Dialogs mit der Moderne gemacht, aber ihn wenig konsequent fortgeführt. Der Schritt war bedeutend, aber eben auch an die Umstände jener Zeit gebunden. Die nachkonziliare Entwicklung wurde, nicht nur was die Kirchenstrukturen angeht, weitgehend von der Kurie gesteuert und der Geist der Verständigung zurückgedreht. Diese Spannungen müssen wir als Christen ertragen und sollten uns nicht allzu sehr darüber grämen, sie sind immerhin ein Zeichen von Vitalität der Kirche.
„Reformen aus biblischem Geiste sind nie von Rom ausgegangen“
HK: In Ihrem Kommentar zur Entweltlichungs-Forderung von Benedikt XVI. hatten Sie gefordert, der Vatikan müsse sich bei seinem zentralen Kontrollanspruch „auf weltkirchlich und biblisch Unabdingbares“ beschränken? Was wären demnach originäre Aufgaben für den Vatikan?
Kaufmann: Rom muss beispielsweise das Bestätigungsrecht für alle Bischöfe behalten, aber das Wahlverfahren wäre in weit stärkerem Maße zu dezentralisieren. Sowohl den Diözesen, aber auch den Bischofskonferenzen könnten hier mehr Kompetenzen eingeräumt werden. Auch gibt es ja durchaus Situationen in der Welt, wo die Kirche von politischen Einflüssen negativer Art betroffen ist, wo man sehr froh sein muss, dass es eine zentrale Instanz gibt - und wo man sich manches Mal auch wünschte, dass sich diese noch deutlicher bei Menschenrechtsverletzungen zu Wort meldet.
HK: Kardinal Walter Kasper hat auf dem Mannheimer Katholikentag davon gesprochen, dass die Zukunft der Kirche von „wachen Minderheiten“ abhängen würde. Wie müsste diese religiöse Avantgarde genauerhin aussehen?
Kaufmann: Gegen religiöse Bewegungen, wie sie die Orden gewesen sind und wie sie jetzt auch in verschiedenen moderneren Formen existieren, ist nichts zu sagen, auch wenn sie eher konservativ sind - wenn sie ihren Überzeugungen entsprechende Lebensformen praktizieren. Eine stärkere Liberalisierung wird nicht allein das Heilmittel für die Kirche der Zukunft sein. Allerdings gibt es ethische Ansprüche, die aus der Tradition des Liberalismus stammen, die meines Erachtens auch in der Kirche zur Geltung gebracht werden sollten. Aber sie beziehen sich weniger auf den Glauben.
HK: Was heißt das für die Zukunft des Glaubens?
Kaufmann: Der uns von Jesus Christus überlieferte Glaube kann bestenfalls als ein Ferment, als ein Katalysator wirken. Das kann auch in der Zukunft der Fall sein. Reformen aus biblischem Geiste sind nie von Rom ausgegangen. Selbst dem Tridentinischen Konzil gingen Ordensgründungen voraus. Damals war allen klar, dass es so nicht mehr weitergehen könne. Ähnlich war das Bewusstsein in der Spätzeit von Pius XII., wo man das Gefühl hatte, dass die Kirche erstarrt sei und der Antimodernismus einfach nicht mehr trage. Man denke etwa an Hans Urs von Balthasars Essay „Schleifung der Bastionen“. Ein solcher Problemdruck herrscht heute weltkirchlich aber noch lange nicht.
Zu Franz-Xaver Kaufmann: Er ist 1932 geboren, lehrte bis zu seiner Emeritierung Sozialpolitik und Soziologie an der Universität Bielefeld. Arbeitsschwerpunkte: Sozialstaatstheorie, Soziologie der Familie und Familienpolitik, Religionssoziologie. Zu den neueren Veröffentlichungen zum Thema gehören: Kirchenkrise. Wie überlebt das Christentum?, Freiburg 2011; Kirche in der ambivalenten Moderne, Freiburg 2012.
Quelle: HerderKorrespondenz vom September 2012
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