Montag, 1. September 2014

Dominikanische Republik: Prozess gegen ex-Nuntius Wesolowski wegen Missbrauch


Die Justiz der Dominikanischen Republik hat ein Strafverfahren gegen den ehemaligen apostolischen Nuntius Josef Wesolowski eröffnet. Das berichtet die italienische Nachrichtenagentur ansa unter Verweis auf lokale Medienberichte. Die Staatsanwaltschaft von Santo Domingo habe die Vorwürfe gegen den ehemaligen Nuntius am Dienstag dem zuständigen Richter präsentiert, nachdem Vatikansprecher Pater Federico Lombardi am Montag auf das Ende der diplomatischen Immunität des gebürtigen Polen hingewiesen hatte: Mit Wesolowskis Ausscheiden aus dem Diplomatendienst sei sein Schutz vor Strafverfolgung hinfällig, so Lombardi.

Gegen Wesolowski lief in der Dominikanischen Republik bereits ein Untersuchungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs; entsprechende Erkenntnisse waren dem Vatikan zugeleitet worden. Dem ehemaligen Erzbischof wird sexueller Missbrauch mehrerer Minderjähriger während seiner Zeit als Vatikandiplomat in der Dominikanischen Republik zur Last gelegt. Er war vom Vatikan deshalb bereits in erster Instanz aus dem Klerikerstand entlassen worden. Gegen dieses Urteil der Glaubenskongregation hatte der ehemalige Kuriendiplomat zuletzt Berufung eingelegt. Strafrechtlich muss sich Wesolowski noch vor den zuständigen Gerichten des Vatikans verantworten.
Radio Vatikan >>


Bischof "Josie", das Geld und die Jungs
Er hatte schon ein paar Bier getrunken, als er durch die Rotlichtviertel von Santo Domingo zog, genügend Geld in der Tasche, auf der Suche nach schnellem Sex. Er suchte nach ganz jungen Männern, er suchte nach Kindern. Er nannte sich nur "Josie". Viele wussten dennoch, wer er war: Der Botschafter des Heiligen Stuhls, der vatikanische Nuntius, vom Papst in die Dominikanische Republik entsandt – der polnische Erzbischof Josef Wesolowski. Gemeinsam mit dem polnischen Pater Wojciech Gil soll er sich mit jungen Messdienern in seinem Haus am Strand vergnügt haben. Zwei weitere Geistliche aus seiner Botschaft stehen unter Verdacht, Frauen und Kinder zum Sex gezwungen haben. Ein dominikanischer TV-Sender soll Wesolowski dabei gefilmt haben, wie er ein Kinderbordell in Santo Domingo betrat.
Weiterlesen auf Die Welt >>

Józef Wesołowski auf Wikipedia >>

For Nuncio Accused of Abuse, Dominicans Want Justice at Home, Not Abroad
The boys say he gave them money to perform sexual acts. They called him “the Italian” because he spoke Spanish with an Italian accent.
It was only after he was spirited out of the country, the boys say, his picture splashed all over the local news media, that they learned his real identity: Archbishop Jozef Wesolowski, the Vatican’s ambassador to the Dominican Republic.
The New York Times >>


Missbrauch: Vatikan versetzt Ex-Nuntius in Laienstand
Der nach Missbrauchsvorwürfen abberufene polnische Vatikan-Botschafter in der Dominikanischen Republik, Jozef Wesolowski, ist vom Vatikan aus dem Klerikerstand entlassen worden.
Religion.orf.at vom 27.6.2014 >>

Sonntag, 31. August 2014

NEIN

NEIN möchte ich sagen, mit dir, mein Gott,
     zu allem, was lähmt,
     zu allem, was krank und depressiv macht.
     Gib mir Kraft, mein Gott,
     dass ich NEIN sage zu allem,
     was blind macht,
     zu allem, was die Sprache verschlägt.

NEIN möchte ich sagen mit dir, mein Gott,
     zu allem, was zerstört,
     zu allem, was nach
     Verdrängung und Abtötung ruft,
     zu allem, was Angst macht.
     Gib mir Kraft, mein Gott,
     dass ich NEIN sage zu allem,
     was trennt, was krumm macht,
     zu allem, was schwächt.

NEIN möchte ich sagen mit dir, mein Gott,
     zu allem, was blendet,
     zu allem, was knechtet und unterdrückt.
     Gib mir Kraft, mein Gott,
     dass ich NEIN sage zu allem,
     was tödlich ist,
     zu allem, was verwundet.

Übersetze, mein Gott, dein NEIN
in die Sprache meiner Tat
und lass durch dieses NEIN
dein JA hörbar werden,
dein erfülltes Leben für mich
und für alle Menschen,
Gott.

Rotzetter Anton, in:
Gebetsmappe der Burg Altpernstein, 246.

Freitag, 29. August 2014

Buch "Bergoglios Liste" auf Deutsch erschienen

"Bergoglios Liste": So lautet der Titel eines Buches, das die Rolle des heutigen Papstes und früheren argentinischen Jesuitenprovinzials Jorge Mario Bergoglio während der Militärdiktatur in dem südamerikanischen Land zwischen 1976 und 1983 untersucht. Im Herder-Verlag ist das Buch des italienischen Journalisten Nello Scavo jetzt in einer deutschen Übersetzung erschienen. Im vergangenen Herbst war die italienische Ausgabe veröffentlicht worden.
Weiterlesen auf Kathweb >>


Bergoglio und die argentinische Militärdiktatur
Welche Rolle hat Jorge Mario Bergoglio, der im vergangenen Jahr zum Papst gewählt wurde, während der argentinischen Militärdiktatur gespielt? Nello Scavo zeigt, dass Bergoglio kein Held des Widerstands war. Er agierte im Verborgenen. Das Buch, so der Autor, solle vor allem um die Rolle der Kirche in Argentinien während der Militärdiktatur gehen.
Deutschlandfunk >>
als Audio >>


Buch: Papst als Retter während der Militärdiktatur
Der damalige Jesuitenprovinzial hat zahlreiche Regimegegner gerettet. Es gab auch Vorwürfe, er habe sich in dieser Zeit zu wenig für politisch Verfolgte eingesetzt.
Die Presse >>

Donnerstag, 28. August 2014

Wenn aus Ehrfurcht Furcht wird

Interessant und sehr treffend!  Limburg steht hier exemplarisch auch für die Situation in anderen Diözesen. "Scherbenhaufen" (wie der Autor des Beitrages schreibt) gibt es leider nicht nur in Limburg.
Das Buch habe ich schon gekauft.
Und wieder einmal ein fundierter Beitrag für die Notwendigkeit von Reformen in der katholischen Kirche. Insbesondere auch was das Bischofsamt betrifft.

Warum konnte ein Bischof wie Franz-Peter Tebartz-van Elst die katholische Kirche so tief in die Krise stürzen? Ein Buch analysiert die Limburger Kirchenkrise und ihre Folgen.

Wieso konnte der damalige Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, so lange offenbar ungehindert schalten und walten, wie es ihm beliebte? Weshalb war da niemand, der ihn stoppen oder doch wenigstens auf einen anderen Weg als den der Lüge, Verschwendung und der Gängelung von Mitarbeitern und pastoralem Personal führen wollte und konnte?

Vielleicht gibt Klaus Lüdicke auf diese Fragen die beste Antwort. „Es ist der Respekt vor dem Amt, der dazu beiträgt, dass Mitarbeiter der Kirche nicht den Mut finden, sachlich notwendige Einwände gegen das Handeln kirchlicher Oberer [vorzutragen], wenn es eigentlich ihre dienstliche Aufgabe wäre, Stellung zu nehmen“, schreibt der Kirchenrechtler Lüdicke mit Blick auf die Limburger Geschehnisse. Der „geschuldete Respekt“, so Lüdicke, die „Ehrfurcht vor dem Amt“, könne leicht in Furcht umkippen, „die einen notwendigen Einspruch gegen bischöfliche Anordnungen unterdrückt“.

Franz-Peter Tebartz-van Elst ist am 26. März als Bischof von Limburg zurückgetreten, sein Umzug nach Regensburg steht unmittelbar bevor. Zurück lässt er einen Scherbenhaufen, dessen nähere Betrachtung immerhin die Chance bietet, es künftig besser machen zu können.

„Der Fall Tebartz-van Elst – Kirchenkrise unter dem Brennglas“ heißt das gerade bei Herder erschienene Buch, das eben diesen Versuch unternimmt, aus Schaden klug zu werden. Dieser gut 200 Seiten starken Sammlung von Aufsätzen zur Causa Tebartz sind die Zitate Lüdickes entnommen, der bis 2008 am Institut für Kanonisches Recht der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster Kirchenrecht lehrte. Herausgegeben hat den Band der Direktor des Katholischen Zentrums Haus am Dom in Frankfurt, Joachim Valentin. 
Darin skizziert der FAZ-Redakteur Daniel Deckers noch einmal die Historie des Skandals, von der Wahl des Bischofs bis zu dem Tag, an dem ein „selbst gezimmertes Lügengebäude“ Tebartz-van Elst unter sich begraben habe. Da waren der Flug in die Slums von Indien, die immense Kostensteigerung für den neuen Bischofssitz, die dramatischen Einbrüche bei Kollekten für Hilfswerke und die explodierende Zahl von Kirchenaustritten. 

„Das Vertrauen in die Integrität und die Dignität des Bischofsamtes, das nach dem Missbrauchsskandal mühevoll wiederaufgebaut wurde, ist wohl unwiederbringlich dahin“, schreibt Deckers.
Dabei scheint es Christian Klenk, Mitarbeiter am Studiengang Journalistik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, verfehlt, den Medien eine Skandalisierung anzulasten. Die Kirche stehe vielmehr zu recht unter besonderer Beobachtung, weil sie für sich in Anspruch nehme, innerhalb der Gesellschaft ein Wächteramt wahrzunehmen.
 
Sie predige Normen und Tugenden und mahne deren Einhaltung an – „und muss sich an ihren eigenen Maßstäben messen lassen“, wie Klenk schlussfolgert. Es gehe um die Glaubwürdigkeit einer moralischen Instanz. Komme es dort zu Verfehlungen, sei dies keine innerkirchliche Angelegenheit. Und so geht die Causa Tebartz – jenseits von Voyeurismus und Schadenfreude – auch jene an, die der Kirche nicht nahestehen.

Das von Valentin herausgegebene Buch verfolgt ausdrücklich nicht die Absicht, fertige Lösungen für mögliche Reformen an Bischofsamt und Kirchenstrukturen anzubieten. Vielmehr soll aus der Analyse der Ereignisse ein Verständnis davon gewonnen werden, was geschehen ist und „welche Mentalitäten und Strukturen dafür verantwortlich waren“, wie es im Vorwort heißt.

Einige vorsichtige Ansätze für notwendige Veränderungen bieten die Autoren aber doch. Angefangen bei der Auswahl geeigneter Kandidaten für das Amt des Diözesanbischofs bis hin zur besseren Kontrolle der kirchlichen Vermögensverwaltung, wie sie der Kirchenrechtler Thomas Schüller fordert, der von 1993 bis 2009 die Stabsstelle Kirchliches Recht im Bistum Limburg leitete und 1997 bis 2001 vier Jahre lang persönlicher Referent des damaligen Limburger Bischofs und Tebartz-Vorgängers, Franz Kamphaus, war.
Es ist dem Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz vorbehalten, das letzte Wort im „Fall Tebartz-van Elst“ zu sprechen. „Eben langt’s!“ ist sein Beitrag überschrieben, der die Dinge aus Frankfurter, also aus großstädtischer Perspektive betrachtet. Am neuen Bischofssitz in Limburg lässt zu Eltz kein gutes Haar, nennt es Spukhaus und Spiegelkabinett, eine tief in den Felsen gegrabene Fluchtburg.

„Den Limburger Domberg sieht man von Frankfurt aus nicht. 75 Kilometer sind ein ausreichender Abstand“, stellt zu Eltz mit Erleichterung fest. Und doch: „Sechs lange Jahre Despotie und Duckmäusertum haben die stolze Stadtkirche schwer belastet“, stellt der Stadtdekan fest, der als Mitglied des Limburger Domkapitels sich selbst nicht von Schuld freisprechen kann und will: „Wie konnte das […] sein, dass wir sahen, ohne zu erkennen, und hörten, ohne zu verstehen?“, fragt er. Verstockung heiße das bei den Propheten. Und die Frage bleibe: „Sind wir jetzt gegen Totalitarismus gefeit?“

Das Buch:
Der >Fall< Tebartz-van Elst Joachim Valentin (Hg.), Verlag Herder 2014, 208 Seiten

Mittwoch, 27. August 2014

Karl Schauer OSB wird Ehrenkanoniker in Eisenstadt

Personalnachrichten
25. August 2014
Diözese Eisenstadt

Änderungen im Kathedralkapitel an der Domkirche zum hl. Martin in Eisenstadt

Der hochwst. Herr Diözesanbischof hat den hochw. Herrn Kons. Rat P. Mag. Karl Schauer OSB,
Superior und Wallfahrtsseelsorger in Mariazell, zum Ehrenkanoniker ernannt. (24. August 2014)


Im Juli wurde Msgr. Lic. Dr. Franz Xaver BRANDMAYR in Rom (Rektor der "Anima" und einer, der "nicht Bischof von Linz werden will") zum Diözesanrichter des Bischöflichen Diözesangerichts ernannt. Nun darf ein weiterer hoher Würdenträger von auswärts den Hof des Bischofs machen und sich Ehrenkanoniker nennen.

Dienstag, 26. August 2014

«Was einmal hilfreich war, kann störend werden»

Theologieprofessor Hubertus Halbfas will das Christentum neu buchstabieren. Auf das Wort Gnade kann er gern verzichten. Es stelle die Sündigkeit des Menschen ins Zentrum, statt die Liebe.
Herr Halbfas, Sie schauen auf achtzig ­Lebens­jahre zurück, sind ein berühmter Theologe, haben viel erreicht: Würden Sie mit Blick auf Ihr Leben von Gnade reden?
Ich hatte ein erfülltes Leben, war nie nennenswert krank und verspüre ungebrochene Lebensfreude. Im umgangssprachlichen Sinne kann ich deshalb gerne von Gnade reden. Aber was ist mit diesem Wort gewonnen? Soll ich mich mehr angenommen sehen als Menschen, die mit Gebrechen, Krankheit und anderen Lebensplagen belastet sind? Und welche Instanz sollte denn diese Gnade mal gewähren, mal verweigern?

Das heisst: Sie als Theologe können mit dem Begriff Gnade wenig anfangen?
Es gibt zwei Aspekte, die ich gerne voneinander trennen möchte. Zum einen lässt sich Gnade als Erwählung gesehen. Israel verstand sich als das von Gott erwählte Volk. Die Folgen dieses Denkens waren nicht erfreulich. Die Christen haben diese Gnadenwahl dann exklusiv auf sich selbst bezogen und sich als das neue auserwählte Volk gegen Juden und Muslime abgegrenzt. Aus diesem Ansatz wurde auch die Missionierung ursprünglicher Kulturen betrieben, von denen dann nicht viel übrig blieb.

Und der zweite Aspekt?
Dem Wort Gnade liegt die Vorstellung einer doppelstöckigen Welt zugrunde: Hier ist die eigentliche Welt «in der Höhe» angesiedelt. Der Himmel gilt als der Ort Gottes. Von dorther wird der Mensch beurteilt, und das Urteil fällt pessimistisch aus.

Das heisst?
Der Mensch wird als Sünder gesehen. Er gilt als verloren, es sei denn, dass jemand, der unendlich mehr Wert hat, als je ein Mensch haben kann, sich für den elenden Menschenwurm einsetzt, um ihn freizukaufen.

Das klingt nach keiner erlösenden Botschaft.
Gewiss nicht! In allen Kirchen hören wir, diese Erlösung des armen Sünders erfolge «um Christi willen». Das bedeutet: Der Mensch ist aus sich heraus nicht liebenswert genug. Und auch die Liebe Gottes zu den Menschen scheint nicht auszureichen. Also braucht es ein unendlich wertvolles Opfer, damit auf der anderen Seite Gnade gewährt wird. Wo aber begnadigt wird, wird noch lange nicht geliebt.

Woher stammt denn diese lieblose Gnadentheorie?
Die wichtigste Wurzel für dieses Denken kommt aus den Briefen des Apostels Paulus. Er versteht den Tod Jesu als Sühnetod, der die sündige Menschheit wieder mit Gott ver­söhnt.

Warum versteht er das so?
Weil es ein Gedanke seiner Zeit ist. Man konnte sich in der Antike keine Gottheit vorstellen, die ohne Opfer zu gewinnen war. Deshalb spricht Paulus auch mehrfach vom Zorn Gottes. Die Liebe aber, die für mich im Christentum zentral ist, die kommt aus einer anderen Haltung.

Woher kommt die Liebe?
Denken Sie an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, diesem jungen Lümmel, der das Erbe des Vaters verbraucht hat und selbst heruntergekommen ist. Der wird vom Vater mit überschwenglicher Freude empfangen, nur weil er nach Hause zurückkehrt. Das zeigt den Gott, den Jesus vertritt.

Und der braucht das Wort Gnade nicht?
Hier ist keine Sühneleistung und auch kein Opfertod notwendig, und deshalb kommt man hier gut ohne das Wort Gnade aus. Denn das Gottesverständnis Jesu kennzeichnet Menschenfreundlichkeit und Güte. Sich selbst angenommen zu wissen, soll dazu bewegen, andere ähnlich anzunehmen.

Verstehen wir Sie richtig: In der Bibel gibt es zwei Arten, von Gott zu reden – und Sie halten diejenige von Paulus für überholt?
Nicht für überholt, sondern für falsch. Es ist ein anderes Gottesverständnis, als Jesus es hatte. Paulus wehrte sich dagegen, den geschichtlichen Jesus kennen zu lernen. Obwohl er fünfzehn Tage bei Petrus zu Gast war und dort Jakobus, den Bruder Jesu, sowie Johannes traf, ist ihm der historische Jesus von Nazaret fremd geblieben. Er wolle Jesus «dem Fleische nach» nicht kennen, schreibt er. Ginge es nach Paulus, hätten wir vom geschichtlichen Jesus, ausser der Bezugnahme auf seine Kreuzigung, keinen blassen Schimmer. Wir würden kein einziges Gleichnis kennen, keine Bergpredigt, kein Vaterunser, keine Schilderung, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist.
Paulus hat den historischen Jesus auf dessen Tod am Kreuz reduziert. Und da er seinen Tod so sehr ins Zentrum stellte, musste er diesen Kreuzestod auch deuten. Wohlgemerkt: Seine Theologie ist Interpretation! Dazu bot ihm Jesus aber keine Anleitung. Doch die Christenheit hat die Interpretation des Paulus fortgesetzt und verharrt dabei – allerdings mit immer schwächer werdender Batterie.

Würde sich die Batterie der Christenheit wieder füllen, wenn sie auf Paulus verzichtet?
Ganz so pauschal gehts nicht. Paulus hat das Christentum in die hellenistische Kultur geführt und ihm damit die Zukunft gerettet. Aber er hat wohl intuitiv gespürt, dass das Reich-Gottes-Programm Jesu in der griechisch-römischen Stadtkultur nicht zu vermitteln war. Damals hat seine Theologie das Christentum zum Erfolg geführt. Heute aber blockiert Paulus vielen Zeitgenossen den Zugang zum Christentum. Was einmal hilfreich war, kann auch störend werden.

Wie können wir denn heute einen etwas ­unblockierteren Zugang zum Christentum finden?
Die Botschaft Jesu hat etwas bestechend Einfaches, man muss sie nicht einmal glauben. Es handelt sich um kein komplexes Lehrsystem, sondern um eine Lebensweise, die gelebt werden will. Da heisst es: «Gott lieben mit ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst …» Hier sind Begriffe wie Erbsünde, Gnade, Natur, Rechtfertigung, Erlösung, aus denen sich schliesslich eine ganze Dogmatik entwickelt hat, nicht nötig.

Das heisst, wir könnten auf all diese schwer verständlichen Begriffe, die ja gerade jetzt, vor Ostern, den christlichen Wortschatz ­befrachten, verzichten?
Ja. Diese Begriffe sind nicht zentral für das Christentum, sofern man zwischen der Lehre des Paulus und dem Evange­lium Jesu unterscheidet. Würde man das Leben Jesu wieder in den Mittelpunkt des Christentums stellen, könnten wir verständlich sprechen. Zugleich wäre unser Selbstverständnis ein anderes, und wir würden uns profilierter darstellen in der Gesellschaft.

Was gewänne denn an Profil, wenn man das Leben Jesu in den Mittelpunkt stellt?
Die ursprüngliche Jesusbewegung war ein Gegenpol zur allseits erfahrenen Machtausübung: Frieden schaffen und die Feinde versöhnen. Sie mutete den Armen zu, Unabhängigkeit und Freiheit zu entwickeln, als wären sie reich. Sie stand am Rande der Gesellschaft, aber entwarf eine Gesellschaftsordnung, die anders war als die herrschenden Verhältnisse. Für unsere heutige Situation ist sie immer noch Herausforderung.
Aber das griechisch geprägte Christentum des 1. Jahrhunderts hat hier einen Wandel vollzogen. Die Gemeinden passten sich der patriarchalischen Gesellschaft an und waren der Obrigkeit untertan. Der Reich-Gottes-Begriff ging im Grunde verloren.

Wovon müsste das Christentum heute ­sprechen?
Da wir dieses Christentum nicht haben, kann ich es auch nicht in drei Sätzen erfinden. Gewiss müssten wir zunächst die Jesusbewegung genauer studieren. Sie hat eine neue soziale Vision gestiftet. In unseren Kirchen wird viel zu ungenau von dieser Revolution der Werte gesprochen. Statt eine fromme Aura damit zu verbinden, wären präzise und nüchterne Klärungen des Programms Jesu zu erarbeiten. Das würde auch die oft verschwommene Rede von Nächstenliebe konkretisieren, unser soziales und wirtschaftliches Denken schärfen, inhumane Herrschaft bewusster machen und die Bereitschaft zum Statusverzicht fördern.

Sie haben in diesem Zusammenhang verschie­dentlich auf die Tischgemeinschaft Jesu verwiesen. Was spielt sie für eine Rolle?
Ich sehe in der offenen Tischgemeinschaft, von der Jesus in Gleichnissen er­-zählt und die er selbst praktizierte, ein Symbol für sein Reich-Gottes-Verständnis. Nicht Wohltätigkeit, sondern Tischgemeinschaft. Wohltätigkeit geschieht von oben nach unten. Tischgemeinschaft ist egalitär. In der Praxis Jesu bestätigen Tischgenossen nicht den eigenen Sozial­status. Aber wie man das, was einst im Lebensvollzug seinen Ort hatte, kultisch lebendig halten kann, ist eine andere Frage.

Welche Folgen hätten Ihre Vorstellungen für die heutige Kirche?
Die katholische Kirche wäre in ihrer hierarchischen Struktur mehr betroffen als Kirchen mit demokratischen Gemeindeordnungen. Sie hat ihre Ämterstruktur im Patriarchalismus des Römischen Reichs entwickelt. Das Produkt eines jesuanischen Stiftungswillens ist es nicht. Aber alle Kirchen hätten ihre paulinische Tradition neu zu überdenken.
Die reformatorischen Kirchen sind in ihrer Fixierung auf den Pfarrer immer noch am katholischen Modell orientiert. Ich kenne keine Basisgemeinden, die sich aus der spirituellen Kompetenz und dem Engagement ihrer Mitglieder aufbauen. Will die Kirche eine Zukunft haben, muss sie die Verantwortlichkeit des Einzelnen stärker einbeziehen. Überfällig ist zudem ein Update von Gottesdiensten, Liedern und Gebeten, ganz zu schweigen von einer längst fälligen Glaubensreform für die meisten Predigten.
Interview: Reinhard Kramm, Annegret Ruoff

Quelle: reformiert.info

Montag, 25. August 2014

Studie: Katholiken-Anteil in Wien seit 1970ern halbiert

Die Bevölkerung von Österreichs Hauptstadt Wien hat sich seit den 1970ern durch Migration und Kirchenaustritte deutlich gewandelt, und zwar auch in ihrer religiösen Zusammensetzung.

So hat sich der Anteil der Katholiken von 1971 bis 2011 auf 41,3 Prozent halbiert, während der Anteil der Menschen ohne Bekenntnis sich auf fast ein Drittel (31,6 Prozent) verdreifacht hat. Die drittstärkste Gruppe sind mit 11,6 Prozent Muslime (1971: 0,4).

Ebenfalls eine wachsende Gruppe stellen die Orthodoxen (8,4 Prozent; 1971: 1,1), der Anteil an Protestanten ist indes zurückgegangen (4,2 Prozent; 1971: 7,8). Kaum Änderungen gab es bei anderen Religionsbekenntnissen (von 2,0 auf 2,9 Prozent). Das zeigt eine Studie des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, die im neuen „Yearbook of International Religious Demography“ veröffentlicht wird.
Weiterlesen auf Religion.orf.at >>


Austritte: Bundesweiter Negativ-Rekord für das Bistum Münster
Alarmierende Kirchenaustritts-Zahlen meldet die Deutsche Bischofskonferenz für die 27 Diözesen im Jahr 2013. Das skandalgeplagte Bistum Limburg verzeichnet die größte Steigerung. Überraschend dagegen der fast genauso hohe Austritts-Zuwachs im Bistum Münster.
Bundesweit traten 2013 im Schnitt 51,1 Prozent mehr Menschen aus der Kirche aus als 2012. Durchgehend schlechter als der Schnitt sind die Zahlen in den nordrhein-westfälischen Bistümern: Die Steigerungsraten liegen bei 78,6 Prozent (Münster), 68 Prozent (Paderborn), 67 Prozent (Aachen), 61 Prozent (Köln) und 58 Prozent (Essen). 
Kirchensite.de >>