Freitag, 11. April 2014

Papst will von Bischöfen „kühne Vorschläge“

Kirchenreform. Papst Franziskus will nichts allein von Rom aus entscheiden. Er setzt auf Initiativen von Bischofskonferenzen.

In einer Audienz für Bischof Erwin Kräutler am 4. April hat Papst Franziskus seine Vorgangsweise für Reformen in der römisch-katholischen Kirche deutlich gemacht. In den SN schildert Kräutler im Detail seine wegweisende Begegnung mit Papst Franziskus.

SN: Bischof Erwin, Sie waren exklusiv beim Papst. Wie hat Franziskus Sie empfangen und was konnten Sie vorbringen?

Kräutler: Der Papst hat mich sehr liebenswürdig und unheimlich herzlich empfangen. Es war für mich eine große Auszeichnung, dass ich mit ihm knapp 20 Minuten allein habe reden können.
Das erste Thema war die Situation der bedrohten Indios in Amazonien, ein zweites war unsere große Not, weil wir für 800 Gemeinden nur 27 Priester zur Verfügung haben.

SN: Wie hat der Papst auf diese seelsorgliche Notlage reagiert?

Kräutler: Ich habe dem Papst berichtet, dass ich Bischof der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens mit 700.000 Gläubigen bin und dass unsere Gemeinden nur zwei bis drei Mal im Jahr die Eucharistie feiern können.
Franziskus hat erwidert, der Papst könne von Rom aus nicht alles selbst in die Hand nehmen. Wir Bischöfe seien vor Ort, wir würden die Bedürfnisse unserer Gemeinden am besten kennen und wir sollten ihm daher ganz konkrete Vorschläge machen. Wir sollten „corajudos“ sein, sagte er auf Spanisch, das heißt couragiert, mutig, beherzt, kühn.
Ein Bischof sollte nichts im Alleingang machen, sagte der Papst. Regionale und nationale Bischofskonferenzen sollten sich auf Reformvorschläge einigen. Die sollten wir dann in Rom vorbringen.

SN: Wurde bei der Audienz mit dem Papst die Weihe von verheirateten Männern angesprochen?

Kräutler: Es ist im Zusammenhang mit der Not unserer Gemeinden auch das Wort von den Viri probati gefallen, also von bewährten verheirateten Männern, die zu Priestern geweiht werden könnten. Der Papst selbst erzählte von einer Diözese in Mexiko, in der jede Gemeinde einen Diakon habe, aber viele keinen Priester. Es gebe 300 Diakone, die freilich nicht die Eucharistie feiern könnten. Die Frage sei, wie das weitergehen könne. Dazu sollten die Bischöfe Vorschläge machen.

SN: Das heißt, dass es jetzt sehr von den Bischofskonferenzen abhängt, ob in der Kirchenreform etwas weitergeht?

Kräutler: Ja, davon bin ich nach diesem persönlichen Gespräch mit dem Papst absolut überzeugt.

SN: Wie konkret ist der Papst über die bedrängten Völker in Amazonien informiert?

Kräutler: Ich bin Präsident des Rats für die indigenen Völker der brasilianischen Bischofskonferenz und habe dem Papst dazu eine Stellungnahme übergeben. Denn derzeit werden die Rechte der Indios, die wir 1988 in die Verfassung hineingebracht haben, im brasilianischen Kongress wieder massiv infrage gestellt.

SN: Konkret spitzt sich dieser Konflikt beim Staudamm Belo Monte zu. Dieses drittgrößte Kraftwerk der Welt wird ein Drittel Ihrer Bischofsstadt Altamira unter Wasser setzen.

Kräutler: Durch den Stausee des Kraftwerks Belo Monte wird ein Drittel der Stadt Altamira überflutet. 40.000 Menschen werden zwangsumgesiedelt.

SN: Der Papst bereitet ein Schreiben zu Ökologie und zur Bewahrung der Schöpfung vor. Konnten Sie ihm dazu Hinweise geben?

Kräutler: Ich habe ihm eine Dokumentation über die 90 indigenen Völker übergeben, die in Amazonien ohne Kontakt mit der umgebenden Gesellschaft leben. Diese sind besonders bedroht, weil sie offiziell nicht existieren.
Ich konnte das dem Papst selbst nahebringen, ich hatte aber auch drei Stunden lang ein Gespräch mit dem Präsidenten der päpstlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, Kardinal Peter Turkson. Dieser bereitet einen ersten Text für das geplante Papstschreiben vor. Ich habe ihn gebeten, dass da unbedingt die Anliegen der indigenen Völker und des Regenwaldes in Amazonien hineinkommen. Der Kardinal hat mir seine private E-Mail-Adresse gegeben und mich ersucht, ihm Unterlagen aufzubereiten.

SN: In welcher Sprache redet ein brasilianischer Bischof mit dem Papst aus Lateinamerika?

Kräutler: Im Grunde Spanisch. Aber wenn mir ein Ausdruck auf Spanisch nicht eingefallen ist, konnte ich auf das brasilianische Portugiesisch ausweichen, das versteht der Papst aus Argentinien selbstverständlich auch.
Salzburger Nachrichten >>


Kräutler informiert Papst über Indios
Bischof Erwin Kräutler ist am Freitag von Papst Franziskus in einer Privataudienz empfangen worden. Kräutler sprach vor allem über die Problematik der einheimischen Bevölkerung und ihre Bedrohung durch das Mega-Kraftwerk Belo Monte.
Es war die erste persönliche Begegnung der beiden Kirchenmänner, seit Jorge Bergoglio Papst Franziskus ist. Die beiden Kirchenmänner haben ja eine Gemeinsamkeit: den Kampf an der Seite der Armen.
Der austro-brasilianische Bischof und Träger des Alternativen Nobelpreises kämpft seit Jahren gegen das geplante Mega-Kraftwerk Belo Monte in seiner Diözese Xingu. Der aus Koblach stammende Bischof informierte den Papst vor allem über die dramatischen Folgen des Mega-Kraftwerks.
ORF-Vorarlberg >> (mit Video-Interview)


Papst will mehr Mitbestimmung der Ortsbischöfe
Franziskus-Reformen I und II

Papst Franziskus hat nicht nur eine Reform der Kurie im Vatikan angestoßen, sondern setzt verstärkt auch auf ein kollegiales Miteinander und gemeinsame Entscheidungen der Bischöfe. Das betont er nun in einem Schreiben.

Mehr denn je sei es notwendig, "die enge Bindung mit allen Hirten der Kirche zu beleben", schreibt Franziskus in einem am Dienstag vom Vatikan veröffentlichten Brief an den Generalsekretär der Bischofssynode, Kardinal Lorenzo Baldisseri. Der Papst macht deutlich, wie wichtig für ihn der Rat, die Erfahrung und die Umsicht der Bischöfe sind. Seit der Einführung der Bischofssynode im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) seien nahezu fünf Jahrzehnte vergangen, dieses wertvolle Erbe müsse aufgewertet werden. Es gehe ihm darum, die kirchliche Gemeinschaft noch tiefer zu leben.
Weiterlesen auf domradio.de >>

Befreiungstheologe Paulo Suess:
Lateinamerika ist jetzt Weltkirche

„Die katholische Kirche soll ein Garten sein, wo Schmetterlinge freiwillig hereinfliegen - und kein Netz, das sie einfängt."
So beschreibt Paulo Suess, einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie, seine Arbeit mit indigenen Völkern in Brasilien. Er lebt und wirkt in Südamerika seit 1966. Kurz nach einer Privataudienz mit Papst Franziskus hat er Radio Vatikan am Freitagabend von seiner Arbeit in Südamerika erzählt. Suess ist ehemaliger Generalsekretär des Indigenen Missionsrates (CIMI).
Siebzig Prozent der Gemeinden haben in Brasilien keinen Sonntagsgottesdienst, weil es zu wenige Priester gibt. Der Theologe würde es begrüßen, wenn auch die Ältesten der Gemeinden diesen Dienst übernehmen könnten. Er fordert eine neue Generation mit pastoraler Courage:
„Es geht nicht um Rettung. Es geht um Gemeindebildung! Um diese Leute zu stärken, auch in einer gewissen Verlassenheit in diesen riesigen Gebieten, wo die Leute leben und gegen Hunger kämpfen. Es geht darum, sie dort nicht alleine zu lassen.“
Weiterlesen auf Radio Vatikan >>

„Papst schließt Weihe von verheirateten Männern nicht aus“
Radio Vatikan, 14.4.2014

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In Interviews auf Portugiesisch erwähnen Bischof Kräutler und sein theologischer Berater Paulo Suess, dass ihnen Papst Franziskus aufgrund des "Eucharistischen Notstands" (wegen des Priestermangels können 70 % der Gemeinden nur zwei- bis dreimal jährlich Eucharistie feiern) mit "interessanten Vorschlägen" geantwortet hätte. In der Diözese Aliwal in Südafrika träumt ein Bischof von der Weihe erfahrener Gemeindemitglieder; in der Diözese San Cristobal de Las Casas gibt es Hunderte von Diakonen, die die Gemeinden leiten.
Der südafrikanische Bischof ist Fritz Lobinger, der gemeinsam mit Prof. Zulehner das Buch "Leutepriester" herausgegeben hat.

Leutepriester in lebendigen Gemeinden
Ein Plädoyer für gemeindliche Presbyterien
Schwabenverlag >>

Priester und Viri Probati nebeneinander
Eine Frage der Koexistenz - von Bischof Fritz Lobinger
Anzeiger für die Seelsorge >>

Vorstellung des "Modell Lobinger" beim Studientag zur Gemeindeentwicklung
Katholische Kirche Vorarlberg

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