Donnerstag, 24. April 2014

Philosoph West: "Sprache des Papstes kommt Sprache Jesu nahe"

Amerikanischer Philosoph und Prediger Cornel West plädiert im "Kathpress"-Gespräch für eine Wiederentdeckung der biblischen Prophetie

Wien, 18.04.2014 (KAP) Als eine "Quelle anhaltenden Hallelujas" hat der US-amerikanische Philosoph und Bürgerrechtler Cornel West den Pontifikatswechsel von Benedikt zu Franziskus bezeichnet. Franziskus zeichne sich nicht nur durch seine Fokussierung auf die Menschen am Rande der Gesellschaft aus, sondern vor allem durch eine besondere Sprachbegabung, sagte West im Gespräch mit "Kathpress": "Diese Sprache kommt der Sprache Jesu sehr nahe und ist wie ein neuer Atem für die Kirche."

West, der an der amerikanischen Harvard-Universität lehrt und als einer der prominentesten öffentlichen Intellektuellen und Bürgerrechtler der USA gilt, plädierte außerdem für eine Wiederentdeckung der biblischen Prophetie als eine gesellschaftsverändernde Kraft. Prophetie meine dabei nicht, die Zukunft vorauszusagen, "sondern zur Wahrnehmung des Leidens und des Übels in der Welt zu sensibilisieren, dieses aufzudecken und die Kraft zu mobilisieren, dagegen anzukämpfen."

Sein philosophisches Programm bezeichnet der bekennende Baptist West als "prophetischen Pragmatismus": Pragmatismus bedeute dabei eine flexible und dynamische Handlungsform, "verbunden mit einer intellektuellen Demut, dass alles letztlich vorläufig bleibt, dass man bei allem auch falsch liegen kann", so West. "Prophetisch" werde dieser Pragmatismus, "wenn man ihn in die Leidensgeschichten dieser Welt eintaucht".

Die Philosophie neige dazu, Geschichte "klinisch zu bereinigen", er begreife Geschichte dagegen als Abfolge des "Tragischen" und "Katastrophischen". Darin liege letztlich auch der "Genius des Judentums", so West unter Verweis auf biblische Prophetengestalten: So habe das Judentum "der Menschheit ein großes moralisches Geschenk gemacht und die Frage in den Mittelpunkt seiner Tradition gerückt, was es bedeutet, Mensch und menschlich zu sein."

Daher gebe es laut West, der u.a. CD-Projekte mit Hip-Hop-Musikern realisiert hat und im Kino-Blockbuster "Matrix" mitgespielt hat, auch kein "neutrales" Verhalten zur Geschichte: "Wenn man sich als radikal demokratischer Intellektueller versteht, dann muss man auf die Stimmen dieses 'demos', des Volkes, hören - wo immer sie sich artikulieren. Das kann in politischen Verbänden sein oder in Kirchen oder eben im Studio mit Hip-Hop-Musikern." In diesen Stimmen - aber auch in der Musik wie etwa dem von ihm favorisierten Blues - artikulieren sich laut West "Ströme von Tränen, Gräuel und Leiden".

Forciert würde dieser Blick auf Geschichte als Leidensgeschichte laut West etwa durch gesellschaftliche Entwicklungen wie den aktuellen Aufstieg des Neo-Faschismus und Rassismus weltweit. Bedingt werde dieser Aufstieg durch die Finanz- und Wirtschaftskrisen: "'Big business' auf der einen Seite, soziale Abstiegsängste auf der anderen Seite". Dies befördere den Neo-Faschismus ebenso wie einen autoritären Politikstil. West kennzeichnet diese Entwicklung in seiner Philosophie mit dem Begriff "Nihilismus": Darunter verstehe er den "Triumph von Macht und Gewalt über alle Moral, ohne Rücksicht auf die Schwachen und Verwundbaren".

Sich selbst bezeichnet West als "Karsamstags-Christ". Wenn Karfreitag der Todestag Jesu ist und Ostern als Tag der erfolgten Auferstehung gefeiert werde, so sei die Existenz des Christen genau jene des Abwartens und "Ringens mit dem Tod", sprich: des Karsamstags. Christen neigten zum Teil dazu, "vorschnell zum Ostersonntag überzugehen", mahnte West. Dagegen laute der biblische Auftrag: "Leben wir als Karsamstags-Christen, stärken wir die radikale Nächstenliebe und mutige Mitleidenschaft, ohne vorschnell in den Jubel des Ostersonntags einzustimmen."
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