Samstag, 2. Juli 2011

Ungehorsam ist der kirchliche Normalfall

Priester und Laien sagen offen, was in Österreich katholischer Alltag ist:
Nicht alles, was Rom anordnet, wird befolgt.

Natürlich müssen Bischöfe rasch und laut Halt sagen, wenn eine Priesterinitiative einen, wie sie selbst formuliert, „Aufruf zum Ungehorsam“ lanciert. Das ist wohl das Mindeste, was Rom von einer Art Filialleiter – wie Ortsbischöfe vom Vatikan häufig gesehen werden – verlangt. Dabei ist die Punktation Helmut Schüllers und seiner Mannen weniger ein Aufruf als eine Selbstverpflichtung der laut Eigenangaben 313 Priester und Diakone. Egal – die klaren Worte sind erfrischend ehrlich.

Die Kommunion wird auch Ausgetretenen und Geschiedenen gespendet, die wieder geheiratet haben, heißt es da, Laien sollen predigen – so what? Derartiges ist nicht nur in Österreich gelebte Praxis. Nur: Bisher hat es noch niemand gewagt, das so dezidiert zu sagen. Die Intervention von Schüller & Co. kann daher als ein Beitrag zu Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit gesehen werden.

Die Bischöfe wissen um den Dissens mit Rom. Und schauen weg oder machen nicht allzu viel Aufhebens darum. Man muss sich das ohnedies alles andere als leichte Leben ja nicht noch zusätzlich schwer machen. Übrigens: Auch Rom, auch der deutsche Papst Benedikt XVI. weiß sehr genau, was in deutschen Landen alles gespielt wird. Und schaut weg... – siehe oben. Das mag ihm Sympathiepunkte bringen. Zu einer Konfrontation (im besten Sinne!) der Standpunkte, zu einer redlichen, das Für und das Wider abwägenden Diskussion trägt ein derartiges Verhalten aber nicht bei. Wie überhaupt die Debattenkultur in der katholischen Kirche auf ein besorgniserregendes Niveau gedrückt wurde.

Vielleicht hat die Pfarrerinitiative jetzt das Ende der Betulichkeit im katholischen Gespräch um die Notwendigkeit von Reformen eingeläutet. Es ist an der Zeit, Klartext zu sprechen, die unbestreitbar wirkenden, zentrifugalen Kräfte zu bändigen. Da muss Rom Stärke zeigen. Und manche per Federstrich des Papstes zu ändernde Regeln – keineswegs die Glaubenssubstanz! – an die Gegenwart anpassen. Wäre so neu nicht in der Kirchengeschichte.

Die Presse >>

Der Gehorsam – eine eher unbeliebte christliche Tugend
Rom als Phantom. Der „Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrerinitiative erweist sich als eine neue Variante der (inner-)kirchlichen Reformdebatte.
Gastkommentar von HANS WINKLER in der Presse >>

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Ungehorsam ist der kirchliche Normallfall":
Nicht erst heute, es ist immer schon so gewesen. Nur in Room tut man so, als das etwas neues wäre. Reformen sind seit jeher von unten gekommen. Wenn man auf die Zustimmung Rooms wartet, wird niemals etwas weitergehen. Also, woran warten wir noch???

Schillebeeckx hat gesagt…

Dazu sage ich: Ganz glücklich bin ich damit insofern nicht, weil ich Ungehorsam grundsätzlich für ein Übel halte, und der Meinung bin und bleibe, dass er nur in absoluten Ausnahmefällen praktziert werden sollte!

Nur - wir sind offensichtlich wirklich so weit, dass es nicht mehr anders geht! Vor sage und schreibe 45 1/2 Jahren wurde ein Konzil beendet, und jeder halbwegs normale Katholik wusste von Anfang an, dass sich ein so gewaltiges Konzil nicht in ein paar Jahren locker umsetzen lässt. Was aber im ganzen Pontifikat von Papst Johannes Paul II. und nun in dem von Papst Benedikt XVI. geschehen ist, wissen wir auch. Und Burgenländer wissen, was in der eigenen Diözese seit einem Jahr los ist.

So traurig es ist - es geht wirklich nicht mehr anders. Wer die Kirche des Konzils retten und bewahren will, muss hier Farbe bekennen. Wenn ich im Credo "Ich glaube an die heilige katholische Kirche" bete, meine ich eine Glaubensgemeinschaft im Heute für ein Morgen, und nicht eine restaurative Pseudo-Sekte, wie sie von Rom und den meisten Bischöfen propagiert wird!!!

Ulla hat gesagt…

Der letzte Absatz des Artikels erinnert mich lebhaft an ein Aha-Erlebnis vor einigen Jahren. Da kam aus Rom die Meldung, in Zukunft seien auch die Mädchen zum Ministrantendienst zugelassen. Mit großer Verwunderung wurde mir klar, dass das wohl bis dahin immer noch verboten war. Faktisch gab es damals in unserer Pfarre und Diözese aber schon seit 20(!) Jahren MinistrantINNEN! So lautete denn auch eine der Begründungen für die Aufhebung des Verbots "es hielte sich ja eh niemand daran...".
Wer weiß, welche Bastion als nächste dem "Ungehorsam" weicht.