Montag, 29. Oktober 2012

Bischofssynode: Die Herrschaft des Kein

Im Anfang war das Wort, sagt die Bibel. 2000 Jahre später steht es schlecht um die kirchliche Sprache. Das zeigt auch die Bischofssynode, die noch bis Sonntag in Rom tagt. Warum fällt es so schwer, ein gutes Wort für den Glauben einzulegen?

 Keine Angst, das wird kein Text vom Typus: Was würde Jesus dazu sagen? Eher schon einer darüber, wie Jesus etwas sagt. Zum Beispiel, als er im Hause des Pharisäers Simon zu Gast ist. Man sitzt bei Tisch, als eine Frau den Raum betritt, eine „Sünderin“. Sie küsst den Wander- und Wunderprediger, seine Füße wäscht sie mit ihren Tränen. Die Sünderin schweigt, der Runde verschlägt es die Sprache.

Jesus ergreift als Erster das Wort und erzählt ein Gleichnis. Prostituierte versus Pharisäer, Barmherzigkeit versus Norm – fertig ist die ewig junge sozial-, gender- und pastoralpolitische Ausdeutung. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Original und der heutigen Art, kircheninterne Kontroversen zu führen: Dieser Jesus debattiert, ohne einen anderen zu blamieren. Er stellt die Sünderin nicht bloß, aber auch nicht die Pharisäer. Er lässt sich überraschen vom Glauben der einen und von der Erkenntnis der anderen. Er ist ein guter Gesprächsführer.

Womöglich bekäme die Sünderin heute das Angebot eines christlichen Verlages, ihre Autobiografie zu schreiben. Bekehrungsbekenntnisse vom Straßenstrich ins Schweigekloster, vom Neonazi zum Pfarrer verkaufen sich gut. Im Evangelium ist ausgerechnet diejenige Person die schweigsamste, bei der Jesus den tiefsten Glauben ausmacht. Kaum vorstellbar, dass sie die nächstbeste Menschenmenge mit einem spitzen Schrei wissen lässt: „Wow, dieser Jesus hat mich gerettet! Ich habe mich zum ersten Mal wieder selbst gespürt.“ Das Wort „authentisch“, mit dem heutige Menschenmengen zu jubeln pflegen, war ohnehin noch nicht erfunden.

Derzeit sucht in Rom die Weltbischofssynode nach dem Wow-Effekt. Eine Synode ist eine Art Weltjugendtag für fortgeschrittene Semester. Gut 260 Bischöfe sind dort, viele schwärmen davon, wie wunderbar es ist, die Weltkirche zu spüren. Wann sonst kommt man als deutscher Diözesenchef auf so kurzem Dienstweg mit Kollegen aus Hongkong, Pretoria und Bulawayo ins Gespräch? Gruppendynamisch könnte alles positiv sein, wäre da nicht der Arbeitsauftrag des Papstes: Mehr Glauben soll in die Welt kommen, wünscht sich Benedikt XVI.

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen, behauptet ein geflügeltes Jesus-Wort. Aber wo ist er, wenn 262 in seinem Namen versammelt sind?

Die Bischöfe wissen vor allem, wo er nicht ist. Was von der Synode nach draußen dringt, zeugt von der Herrschaft des Kein und des Nein. Glauben ist demnach: keine Beliebigkeit, kein Relativismus, kein Synkretismus, kein spirituelles Bastelprogramm, keine Frage von Strukturreformen und, der Kein-Klassiker schlechthin, kein Kniefall vor dem Zeitgeist. Der amerikanische Kardinal Donald William Wuerl deutet die Säkularisierung als „Tsunami“ fürs kirchliche Leben. Der Präsident des päpstlichen Familienrates beklagt, dass die Familie nicht mehr das ist, was sie einmal war; der Erzbischof von Posen missbilligt, dass immer mehr Eltern ihre Kinder zu wenig erziehen, Kurienkardinal Stanislaw Rylko kritisiert, dass neuen geistlichen Gemeinschaften zu wenig Wertschätzung zuteil werde. Der Limburger Franz-Peter Tebartz-van Elst vermisst Glaubenswissen und warnt vor kreativem Aktionismus in der Liturgie.

Im Anfang war das Ja, die Sünderin hat dieses Wort innerlich gesprochen. Im Jahr des Glaubens dominiert dagegen das Nein. Das behaupten mitnichten nur nörgelnde feministische Journalistinnen. Dies sagt auch Wiens Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn. In einem Radiointerview kritisierte er, dass die Teilnehmer der Synode zu selten über eigene Erfolge oder Misserfolge in der Glaubensverkündung gesprochen hätten.

Der Fernsehsender Arte zeigt gerade die französische Serie „Dein Wille geschehe“. Sie erzählt die fiktive Geschichte von fünf Priesteramtskandidaten am Kapuzinerseminar von Paris. Auf einem Glaubensbarometer lässt sich im Internet die Gottesbeziehung der jungen Männer verfolgen. Statt eines Balkens stellt ein Kreuz die Glaubensstärke dar, dessen Höhe variiert stark von Folge zu Folge. Diese Bildsprache mag albern wirken und ist doch treffend: Glauben hat etwas mit gemischten Gefühlen zu tun. Warum erzählen nicht auch Würdenträger, die dem Priesterseminar längst entwachsen sind, wie schwankend ihr Kreuzzeichen ausschlägt?

Weil sie fürchten, das ehrliche Bekenntnis könnte gegen sie verwendet werden? Die Synode in Rom flüchtet sich ins „man“, wo das Wort Credo die erste Person Singular gebietet.

Bischofs-Bashing ist bequem, aber ungerecht. Auch die Papiere der Laienverbände sind selten eine sprachliche Offenbarung. Dort herrschen zwar weniger die Keins und Abers, dafür regieren Passivkonstruktionen und Infinitiv-Halbsätze. Wer da dauernd im Heute, Morgen und Übermorgen aufbrechen, Brücken bauen, Impulse geben und Neues wagen soll, bleibt ungesagt. Dabei ist ein Satz ohne Subjekt wie eine Herrschaft ohne Volk.

Die Glaubensprofis schaffen es kaum, dem Gesprächsführer Jesus zu folgen. Sie hinterlassen, wenn sie diskutieren, Blamierte und Versehrte. Sie hinterlassen, wenn sie beten, wörtlich Betäubte. Heil, Auferstehung, Dreifaltigkeit, Dein Reich komme – all das sind Fremdwörter geworden, auch für die eigenen Leute. Ob gegen die Wortfindungsstörungen ein Kraut der Hildegard von Bingen gewachsen ist? Die Hinwendung von Kirchenmännern zu Mystikerinnen des Mittelalters sieht eher wie eine Flucht vor der Sprachlosigkeit der Gegenwart aus.

Es gibt einen Mann, noch dazu einen Kirchenmann, der ein gutes Wort im Jahr des Glaubens eingelegt hat: Eichstätts Bischof Gregor Maria Hanke. Er sagte: „Jesus rief nicht und ruft nicht zu moralischen Klimmzügen auf. Er appelliert mit dem Ruf zur Umkehr an den Menschen, seinen wahren und oft verschütteten Bedürfnissen Raum zu geben: dem Hunger nach Lebenssinn, dem Verlangen, geliebt zu werden, der Hoffnung des Menschen, Verzeihung zu finden, seiner Sehnsucht, im Tode nicht unterzugehen.“ Es klang so, als liebe die Kirche die stillen Sucher mindestens so sehr wie die schrillen Finder, die lauen Gemischtgefühlskatholiken wie die brennenden Bekenner. Kaum zu glauben: endlich ein Ja.

Aus: Christ & Welt Ausgabe 44/2012

Kathpress-Dossier zur Bischofssynode >> 

In diesem Zusammenhang ist der Kommentar zur Synode der Diözese Rom im Jahr 1960 interessant und aufschlussreich. Damals blieb Papst Johannes XXIII. von seiner Kurie ungehört, und heute bleibt das pilgernde Volk Gottes mit seinen Erneuerungssehnsüchten sich selbst überlassen!

ROM-SYNODE: Baskenmützen verboten

Seit der 78jährige Angelo Roncalli als Papst Johannes XXIII. und als Bischof von Rom auf dem Stuhle Petri sitzt, erfreut sich das Oberhaupt der katholischen Christenheit des Rufs, einer der fortschrittlichsten Kleriker seiner Zeit zu sein. In den letzten Januartagen aber wurde deutlich, daß sich das reformatorische Temperament des Papstes nur begrenzt durchzusetzen vermag gegenüber einer breiten konservativen Strömung im Katholizismus, die sich einer weitgehenden Modernisierung der Kirche entgegenstemmt.
DER SPIEGEL 7/1960 >>
 

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