Dienstag, 19. Februar 2013

Der Rücktritt als Bruch

Ein spannender und interessanter Artikel von Prof. Großbölting von der Universität Münster:

Vom „heiligen Vater“ zur Entsakralisierung des Amtes
Von Zeithistoriker Prof. Dr. Thomas Großbölting, Münster

Der Papst tritt Ende Februar zurück. Aus Benedikt XVI. wird wieder Joseph Ratzinger, aus dem Kirchenoberhaupt der Theologe, Priester und Gottesmann. Die Kräfte reichten nicht mehr für die Ausübung des Amtes, so hat der 85-jährige Papst die Welt wissen lassen – und kann sich mit dieser Begründung sicher sein, bei vielen Beobachtern und Kommentatoren auf Verständnis zu stoßen. Nur allzu menschlich ist die Motivation für diesen Schritt: Die Gebrechen und Krankheiten des Alters lassen die Bürde des Amtes und die römischen Intrigen umso schwerer erscheinen. So viel Einsicht und Selbstbescheidung möchte man so manchem Konzernlenker oder Politiker wünschen!

Dieses spontane Verständnis aber rührt allzu sehr aus der Perspektive des Gefühligen, des Menschelnden und verfehlt damit den besonderen Charakter dieses Schrittes. Unabhängig von der Person Benedikts und seines Gesundheitszustandes ist die Abdankung des Papstes ein nahezu revolutionärer Akt in der katholischen Kirche. Dem Rücktritt kommt eine hohe symbolische Tragweite zu, stellt er doch einen Bruch mit dem Verständnis vom Papstamt dar, wie es sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert entwickelt hat. Die erste öffentliche Reaktion aus dem Vatikan machte deutlich, welch grundstürzender Akt mit der Rücktrittserklärung einhergeht: Wie ein Blitz aus heiterem Himmel habe die Nachricht eingeschlagen, so äußerte ein Vatikansprecher. Dieser Vergleich mit der Naturgewalt macht nicht nur darauf aufmerksam, wie plötzlich dieser Schritt verkündet wurde. Zudem zeigt er auch, wie stark der Rücktritt als Zäsur interpretiert wird. Hier tritt nicht irgendein Politiker, Aufsichtsratsvorsitzender oder Chefdirigent zurück, sondern der Papst als geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche. Theoretisch ist durchaus möglich, was praktisch bis zu diesem Schritt von Benedikt (fast) undenkbar erschien: Auch wenn das Kirchenrecht die Möglichkeit der Amtsaufgabe durchaus eröffnet, ist sie in der Moderne bislang nicht genutzt worden. Die besondere Aufladung des Papstamtes im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts hat einen solchen Schritt nicht zugelassen. Der Rücktritt bricht mit dem in den vergangenen 200 Jahren gewachsenen Amtsverständnis und hat damit das Potenzial, nicht nur den Charakter des Amtes grundlegend zu wandeln, sondern damit auch weit in den Katholizismus selbst auszustrahlen.
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Die bedingungslose Verehrung des Papstes, von der sich dann auch eine besondere Stellung der Bischöfe und des Klerus ableiten ließe, gehört der Vergangenheit an. Auch wenn einzelne Bischöfe mit einer besonders repräsentativen Selbstdarstellung noch auf die Haltung der besonderen Verehrungswürdigkeit setzen wollen, so zeigen sich doch die Katholiken davon weitgehend unbeeindruckt oder kritisieren offen den demonstrativen Einsatz von Statussymbolen wie schweren Dienstwagen und Privatkapellen.
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Ratzinger hat das Papstamt verweltlicht

Der Papst-Rücktritt ist ein gewaltiger Tabubruch. Er bringt das sakrale Gebilde Kirche auf das Niveau irdischer Vernunft, sagt der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch.

Nach seinem Rücktritt wird Benedikt XVI. alle Sympathie und aller Respekt der Welt zuteil – gibt es giftigere Komplimente? Ratzinger ist die Inkarnation des Erzkonservativen, der unfreiwillig für den Umsturz sorgt. Er könnte als Papst der Paradoxien in die Geschichte eingehen, ob der produktiven oder der desaströsen Paradoxien, das entzieht sich noch irdischer Einsicht.
Kommentar auf ZEIT-Online >>

Kardinal Kasper: „Eine neue Phase des Papsttums beginnt“
Der Rücktritt hat Folgen für die kommenden Pontifikate. Ich will nicht sagen, dass es ein Präzedenzfall ist, aber es ändert die Sicht des Pontifikates, es de-sakralisiert es im gewissen Sinn. Und macht das Amt im gewissen Sinn auch menschlich, weil es deutlich macht, dass dahinter ein Mensch steht, der alt wird und der mit den normalen Beschwerden des Alters zu tun hat. Es ist jetzt eine neue Phase des Papsttums angebrochen.“
Interview auf Radio Vatkan >>

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