Dienstag, 9. September 2014

Katholische Kirche: Der Kampf um Rom hat erst begonnen

Wie Papst Franziskus und einige Gleichgesinnte die Irrwege der kirchlichen Lehre von Ehe und Familie nach dem II. Vatikanischen Konzil korrigieren wollen. 

Es war im Frühjahr 1999, als Walter Kasper aus seiner Erfahrung als Bischof von Rottenburg-Stuttgart kein Hehl machte und öffentlich sein Leid über die „theologische Restauration des römischen Zentralismus“ klagte. Die Tinte unter dem Text war noch nicht trocken (dieser aber noch nicht veröffentlicht), als Papst Johannes Paul II. den renommierten Theologen nach Rom berief und ihn zu seinem Ökumene-Minister machte. Dort dauerte es nicht lange, und Joseph Kardinal Ratzinger trat auf den Plan. Vor allen Kardinälen bezichtigte der Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre den Novizen im Vatikan implizit und nicht zum ersten Mal der Irrlehre.

Fünfzehn Jahre später heißt es in einem im Vatikan verfassten Text: „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“ Dieser Ansicht ist indes nicht allein nur Kurienkardinal Walter Kasper, der seinen Ruhestand lesend und schreibend in Sichtweite des Petersdoms verbringt. Niedergelegt hat das Zitat ein Argentinier namens Jorge Mario Bergoglio, der seit dem 13. März 2013 als Papst Franziskus in der Kirche und weit darüber hinaus für Wirbel sorgt.
 
Franziskus wusste nicht nur, was er tat, als er dieses und so manch anderen theologischen und kirchenpolitischen Sprengstoff im vergangenen Jahr in eine schön zu lesende Verpackung namens „Die Freude des Evangeliums“ (Evangelii gaudium) packte. Der erste Jesuitenpapst der Geschichte wusste auch, was er tat, als er die unter seinen Vorgängern weitgehend bedeutungslose Beratungsinstanz namens Bischofssynode gegen die allmächtige vatikanische Kurie in Stellung brachte und sie für den Oktober dieses und des kommenden Jahres zusammenrief, um über das dornigste Thema zu beraten, das sich der Kirche von Nord bis Süd und von Ost bis West stellt: die schier unüberwindlich erscheinende Kluft zwischen den Weisungen des Lehramtes auf dem Feld von Ehe und Familie und dem Leben der meisten Gläubigen. Und als wäre das alles noch nicht genug, ließ Franziskus in diesem Februar zum ersten Mal in der Kirchengeschichte das Kardinalskollegium über dieses Thema diskutieren - nach Maßgabe eines Vortrages über „Das Evangelium von der Familie“ von niemand anderem als Walter Kardinal Kasper.

Indes ist Kaspers theologisch wie praktisch wohlbegründete Saat ebenso wenig überall aufgegangen wie dass Papst Franziskus im Vatikan leichtes Spiel hätte. Im Gegenteil. Wer die Maßgaben des Papstes nicht offen hintertreibt oder stillschweigend ignoriert, der richtet sich schon jetzt darauf ein, dass es mit dem mittlerweile bald 78 Jahre alten Papst vom Ende der Welt bald ein wie auch immer geartetes Ende nehmen wird - und damit auch ein Ende mit irritierenden Sätzen wie: „Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben“ - gleichfalls ein Zitat aus „Evangelii gaudium“.

Doch noch ist der Kampf um Rom nicht richtig entbrannt. Denn so wohlfeil vielen Bischöfen die eindringlichen Sprachbilder und die flammenden Appelle des Papstes sind, so wenig lassen sie sich selbst von dem Geist der Barmherzigkeit anstecken, von dem Franziskus sprach. Warum auch? Nahezu alle wurden von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. ernannt, und damit in einer Zeit voller „Spannungen, Brüche und Konflikte“, in denen jeder gut beraten war, sich dem „strategischen Programm“ nicht zu widersetzen, mit dem das kirchliche Lehramt seit den Tagen von Papst Paul VI. seine „Wahrheit über Ehe und Fortpflanzung“ mit brachialer Gewalt exekutierte. Für viele Theologen ein Drama, für die meisten Gläubigen ein Dilemma, für nicht wenige Bischöfe eine Qual - so zu lesen in einer Denkschrift über die Erwartungen eines Diözesanbischofs an die bevorstehende Bischofssynode über die Familie, die der Form und dem Inhalt nach in der jüngeren Kirchengeschichte ihresgleichen sucht.

Johan Bonny, der mit 59 Jahren vergleichsweise junge Bischof der belgischen Hafenstadt Antwerpen, hat seit seinen römischen Studienjahren genug gesehen und gehört: „Verdächtigungen, Ausschlüsse, verpasste Chancen“ nennt er ebenso beim Namen wie die Erfahrung, „wie anstößig die Sprache der Kirche gegenüber bestimmten Personen und Situationen wirken kann“. Und er weiß als Theologe zu viel, als dass er sich damit abfinden kann, dass das kirchliche Lehramt und die moralischen Weisungen der Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. das letzte Wort zu Familienplanung oder Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten sein können. Zug um Zug dekonstruiert Bonny in seiner umfassenden Denkschrift, die ins Englische, Französische, Deutsche und Italienische übersetzt ist und in den kommenden Tagen auch Papst Franziskus direkt zugänglich gemacht wird, die Begründungsstrategien aus „Humanae vitae“ und „Familiaris consortio“ mit dem Argument, die Kirche nehme ihre eigene Tradition nicht ernst, wenn sie für Gewissensentscheidungen keinen Raum lasse und die Lehre von der Eucharistie als „Mittel der Gnade“ einfach ignoriere.

Dass Bonny mit seiner Denkschrift frontal gegen die Lehre der Päpste seit Paul VI. aufbegehrt, ist ihm bewusst. Dabei waren diese es, die nicht nur inhaltlich mit der Tradition gebrochen haben, sondern auch formal: „Alle Konstitutionen und Dekrete des Zweiten Vatikanums, auch die schwierigsten, wurden schlussendlich annähernd im Konsens verabschiedet. Von dieser Art Kollegialität blieb allerdings drei Jahre später, bei der Veröffentlichung von ,Humanae Vitae‘ nur sehr wenig übrig.“ Nicht, dass Kollegialität ein Allheilmittel sei, gerade angesichts der enormen regionalen Unterschiede zwischen Nord und Süd, Ost und West. Auch das hat Bonny gedacht und damit vor den Synodenberatungen die längst vorbereitete Strategie der Anti-Franziskus-Front demaskiert, die Behandlung einzelner Themen mit dem Argument zu verhindern, bestimmte Fragen seien in anderen Teilen der Welt kein Problem oder stellten gerade ein solches dar. „Eine monolithische Kollegialität hat in der Kirche genauso wenig Zukunft wie ein monolithischer Primat“ - so einfach, so schwierig.

Das heißt? „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist. Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben.“
Auch diesen Satz von Papst Franziskus macht sich Bonny zu eigen - und nimmt in dessen Konsequenz den vielen furchtsameren Geistern als ihm die (letzte) Illusion, dass es bei den Beratungen und womöglich Beschlüssen der Synode nur um die Anwendung der kirchlichen Lehre gehe, nicht aber um ihren Inhalt.

„Diese Gegenüberstellung von ,Pastoral‘ und ,Lehre‘ scheint mir aber zu kurz gegriffen, sowohl in pastoraler wie theologischer Hinsicht. Sie kann sich nicht auf die Tradition der Kirche berufen. Pastoral hat ganz und gar mit Lehre zu tun, und Lehre ganz und gar mit Pastoral.“ Doch wo ist das Problem, wenn Bonny mit der Internationalen Theologenkommission hinsichtlich der Annahme lehramtlicher Weisungen festhalten kann: „Diese fehlende Rezeption kann Ausdruck eines schwachen oder zu geringen Glaubens auf Seiten des Gottesvolks sein, hervorgerufen durch eine unzureichende kritische Anknüpfung an die Kultur der Gegenwart. In manchen Fällen kann sie aber darauf verweisen, dass bestimmte Entscheidungen von Amtsträgern ohne angemessene Aufmerksamkeit für die Erfahrung und den Glaubenssinn der Gläubigen oder vom Lehramt ohne ausreichende Beratung mit den Gläubigen getroffen wurden.“
Quelle: faz.net 

Denkschrift von Bischof Johan Bonny als PDF >>


Aktualisierung:

"Einer der spannendsten Momente der jüngeren Kirchengeschichte"
Statt römischer Zentralisierung braucht die Kirche mehr Kollegialität von Bischöfen und Papst - diesen Schluss zieht der belgische Bischof Bonny aus den Lehren und Einstellungen der Katholiken zu Ehe und Familie. Daniel Deckers erläutert die Hintergründe.
Domradio.de >>

Ja „in pectore“ von Papst Franziskus zu wiederverheiratet Geschiedenen?
(Rom) Soviel ist bekannt: Papst Franziskus war es, der den Anstoß zur Diskussion gab, wiederverheiratet Geschiedenen zur Kommunion zuzulassen. Seither sagt er nicht, ob er für oder gegen diese Zulassung ist. Da von ihm der erste Schritt ausging und aufgrund weiterer Gesten, scheint das katholische Kirchenoberhaupt ersterer Position näher zu stehen. Ein australischer Theologe jedenfalls ist überzeugt davon und erklärt warum, wie der Vatikanist Sandro Magister berichtet.

Der aktuell jüngste Vorstoß für einen radikalen Wechsel in Praxis und Lehre der Kirche beim Ehesakrament kam von Johan Jozef Bonny, dem Bischof im belgischen Antwerpen. Er tat es Anfang September mit der Veröffentlichung eines 30 Seiten langen Memorandums in mehreren Sprachen, das er auch Papst Franziskus zuschickte.
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