Mittwoch, 24. September 2014

Offener Brief: Gemeinden vor Ort lebendig erhalten


In einem offenen Brief an alle Verantwortlichen in der Kirche berichten Erhard Heimburger und Franz Meister, zwei pensionierte Pfarrer aus dem deutschen Bistum Limburg, über ihre Erfahrungen in den neu gebildeten Großpfarreien. Sie setzen sich für Nähe und Gemeinschaft ein, als zentrale Voraussetzung für eine zukunftsfähige Kirche.
Bitte, gebt den Brief weiter, sprecht darüber und vernetzt Euch!
Danke!

Offener Brief an alle Verantwortlichen in der Kirche

Gemeinden am Ort lebendig erhalten

In vielen Bezirken des Bistums Limburg wurden durch die Gründung von XXL-Pfarreien vollendete Tatsachen geschaffen. In Wiesbaden gibt es nur noch drei Pfarreien, Mitte, West und Ost, aus bisher 20 Pfarrgemeinden. Als Pensionäre erleben wir die Schwierigkeiten und Nöte, die sich für viele Gläubigen daraus ergeben. Wie kann Kirche vor Ort lebendig bleiben oder noch lebendiger werden und der Glaube mit Freude gelebt werden? Diese Frage treibt uns um. Darum schreiben wir diesen Brief.


1. Die Situation ist gekennzeichnet durch fehlende Nähe; viele sagen „Ich fühle mich wie verloren“, „Ich bin heimatlos geworden.“ Wenn Generalvikar Wolfgang Rösch beim Gründungsgottesdienst einer Großpfarrei mit 13.000 Katholiken aus bisher 11 selbständigen Pfarreien, den Gläubigen in der Predigt zuruft „Ihr seid jetzt eine Großfamilie“, wird der vom Bischof verordneten Zusammenlegung ein freundlicher Anstrich verpasst, der aber nicht der Realität entspricht. Vielmehr geht der Kontakt zwischen den Menschen verloren.
Die hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiter/innen sind nur noch zu einem geringen Anteil ihres Dienstumfangs als Bezugsperson für einen so genannten „Kirchort“ eingesetzt, zum wesentlich größeren Teil aber für kategoriale (übergemeindliche) Aufgaben in der Großpfarrei. Die Kommunikation untereinander und mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern/innen in den Gremien und Gruppen verschlingt mehr Zeit als bisher. Immer wieder geschehen zur Zeit Pannen bei der Absprache, z.B. für einen Gottesdienst erscheinen einmal 2 Priester, einmal keiner. Pfarrbeauftragten, die bisher in und für eine Gemeinde voll verantwortlich arbeiteten, bekamen diesen Dienstauftrag entzogen. Dafür hat der eine Pfarrer der Großpfarrei alle Leitungsgewalt erhalten, anstatt den Dienst der Leitung auf mehrere Schultern zu legen und an Laien Leitungsaufgaben zu delegieren. Die Priester werden zu Dauer-reisenden mit immer weniger Augenmerk für die Menschen mit ihren Anliegen und Sorgen. Für den Kern der priesterlichen Aufgabe, die Seelsorge, bleibt kaum mehr Zeit.
Verhängnisvoll ist die in der Regel unnötigesonntägliche Rotation der Priester von „Kirchort“ zu „Kirchort“. Der Priester kann so nicht auf die konkrete Situation vor Ort eingehen, eine eingehende Absprache mit Organisten, Lektoren und Gemeindevertretern ist oft nicht möglich, der Gottesdienst erscheint nicht mehr auf die Gemeinde bezogen, nicht mehr aus einem Guss. Immer mehr Gemeindemitglieder verlassen enttäuscht ihre frühere Gemeinde, weil sie sich nicht mehr angesprochen fühlen. Für die Priester selbst ist das alles eine Zerreißprobe, die sie auf Dauer krank macht. Für die Laien, die pastoralen Mitarbeiter/innen und die ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen, ist die Situation unbefriedigend, weil sie in ihren Möglichkeiten gedeckelt werden.


2. Hinter der Zusammenlegung und Auflösung von gewachsenen Pfarreien, die oft eine 1000-jährige Geschichte aufweisen können und für die oft viele Generationen ihre ganze Kraft eingesetzt haben, verbirgt sich ein überholtes klerikales Kirchenbild, das vom 2. Vatikanischen Konzil überwunden und durch ein biblisch geprägtes Kirchenbild auf seine Ursprünge zurückgeführt worden ist. Kirche ist Volk Gottes und Gemeinschaft (2.Vatikanisches Konzil, Kirchenkonstitution, Art.7/9/10). Jeder und jede, die an Jesus Christus glauben und getauft worden sind, haben aufgrund ihrer Taufe Anteil an der Sendung Jesu, an seinem priesterlichen, prophetischen und königlichem Amt (1 Petr 2,9-10). Es gilt eine fundamentale Gleichheit aller Getauften, Männer und Frauen, aller sozialen Schichten, aller Völker und Stämme (Gal 3,26-28). Bei der Taufe eines kleinen Mädchens in St. Mauritius Wiesbaden hat kürzlich ein Priester dies sehr schön bei der Salbung mit Chrisam zum Ausdruck gebracht: „Ich salbe dich zur Priesterin, Prophetin und Königin.“ Diakone, Priester, Bischöfe, wie auch der Papst haben besondere Dienstämter in der Kirche, aber als Getaufte sind sie gleich mit allen Getauften.
Die Menschen haben Hunger nach dem „Brot des Lebens“, auch wenn dieser Hunger oft verdrängt wird. Die Gläubigen sehnen sich nach Spiritualität und gemeinsamem christlichem Leben. Hat eine Großpfarrei noch eine Gemeinschaft stiftende Kraft über den engen Kreis der Getreuesten hinaus, in der Nachbarschaft, im Wohnviertel, im Ortsteil? Schließen wir uns mit unseren christlichen Nachbargemeinden in der Ökumene für diese Aufgabe zusammen? Oder verbrauchen wir unsere ganz Kraft mit der Aufrechterhaltung unserer innerkirchlichen Strukturen? Schließlich sind die Kirche, die Pfarrei, die Ortsgemeinde nicht für sich selbst da sondern haben einen Dienstauftrag für die Menschen am Ort.


3. Konkrete Forderungen:

· Das unselige sonntägliche Rotationsprinzip für die Priester, von „Kirchort“ zu „Kirchort“ zu eilen, aufgeben.

· An allen „Kirchorten“ feste und stabile Gottesdienstzeiten das ganze Jahr hindurch durchhalten; wenn kein Priester zur Verfügung steht, soll ein von Laien (hauptamtlich oder ehrenamtlich) geleiteter Wortgottesdienst mit Kommunionausteilungstattfinden. Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Gemeinde am Ort sich Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst versammelt und ihre Gemeinschaft im Glauben feiert.

· Einer festen hauptamtlichen Bezugsperson für die Gemeinde am Ort genügend Dienstzeit einräumen und Vollmachten für diesen Auftrag übertragen, als erste Anlaufstelle für alle seelsorgerischen Anliegen der Menschen am Ort. Darauf hinarbeiten, dass auch Ehrenamtliche diesen Dienst wahrnehmen können, wenn nicht mehr genügend pastorale Mitarbeiter/innen zur Verfügung stehen.

· Das Statut des/der Pfarrbeauftragten für die Gemeinden am Ort im Bistum wieder einrichten. Auch jetzt schon kann der Pfarrer mehr Vollmachten an geeignete Laien abgeben.

· Wesentlich mehr Bürozeiten an den „Kirchorten“ zur Verfügung stellen und entsprechend am Zentralort reduzieren.

· Die ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen in den Gremien, Ausschüssen und Gruppen der aufgelösten Pfarreien, die ihr Mandat bzw. ihre Aufgabe verloren haben, für die Gemeindearbeit in den „Kirchorten“ gewinnen und ihnen die entsprechenden Vollmachten übertragen.

· Die Ortsausschüsse durch Wahl von allen Wahlberechtigten am „Kirchort“ legitimieren; den Ortsausschüssen Kompetenzen für den „Kirchort“ übertragen und klar definieren, damit alles, was auf dieser Ebene entschieden und geleistet werden kann, auch dort verantwortlich durchgeführt wird (Subsidiaritätsprinzip). Die Namen und Kontaktdaten der Mitglieder der Ortsausschüsse, des zentralen Pfarrgemeinderates und des Verwaltungsrates veröffentlichen, damit sie auch für Gemeindemitglieder erreichbar sind.

· Die Entscheidungen des gewählten Ortausschusses, wie des zentralen Pfarrgemeinderates und des Verwaltungsrates sind zuveröffentlichen. Bei allen wichtigen pastoralen Entscheidungen wie z.B. einem neuen Pastoralkonzept oder dem Umbau von Kirchen und Gemeindehäusern oder deren Umwidmung oder der Schließung einer Kindertagesstätte u. ä., ist vorweg in einem Gesprächsprozess die Gemeinde am Ort einzubeziehen. Es geht nicht an, diese nach geheim gehaltener Sitzung nachträglich nur zu informieren. Die Protokolle des Pfarrgemeinderates und der Ortsausschüsse sind zu veröffentlichen.

· Gemeinde am Ort hat auch einen sozialen Auftrag für die Menschen, z. B. in der offenen Jugendarbeit oder mit der Einrichtung einer Kindertagesstätte u.ä.; ihr Ziel ist es nicht, neue Gemeindemitglieder zu rekrutieren sondern denen zu helfen, die Hilfe brauchen. Hierzu ist die Zusammenarbeit mit den evangelischen oder anderen christlichen Nachbargemeinden, den Ortsbeiräten und Vereinsringen erforderlich.

· Dorthin gehen und präsent sein, wo die Menschen sich treffen, wo sie arbeiten, Sport treiben, jubeln, demonstrieren und wo sie feiern; das ist in der Regel nur von einer Gemeinde am Ort aus möglich.

· Das hier für die Gemeinden am Ort, den so genannten „Kirchorten“ Geforderte, sollte sinngemäß auch für den Leitungsstil der Bistumsleitung maßgebend sein.


4. Wir plädieren nicht dafür, die erfolgten Zusammenlegungen unter allen Umständen rückgängig zu machen, obwohl wir davon überzeugt sind, dass es andere zukunftsfähigere Lösungen gibt. Wir halten allerdings dort, wo noch keine Zusammenlegung erfolgt ist, ein Moratorium angezeigt, bis ein neuer Bischof im Amt ist und mit ihm über die Zukunft dieser Pfarreien gesprochen werden kann und eventuell ein Alternativmodell entwickelt wird.

Unser Anliegen ist es, die Ortsgemeinden zu stärken, damit sie ihrem kirchlichen Grundauftrag, den Glauben zu feiern, zu bezeugen und in konkreter Nächstenliebe zu leben, verwirklichen können. Die Gemeinschaft der Gläubigen am Ort muss erfahrbar bleiben. Dann wird die gefühlte Nähe zur Kirche nicht verloren gehen.

Sicher ist, dass die allein von der Hierarchie und den Klerikern geprägte Kirche keine Zukunft hat. Alle Getauften tragen Verantwortung für den Aufbau der Kirche und ihrem Auftrag an den Menschen. Wie aber die Zukunft der Kirche aussehen wird ist offen. Vertrauen wir uns der Führung des Heiligen Geistes an, den uns der Herr zugesagt hat und der mit uns vielleicht noch unbekannte Wege gehen möchte.

Wiesbaden, am Fest Kreuzerhöhung, 14. September 2014
Erhard Heimburger und Franz Meister, Pfr. i. R.

Viele der Aussagen in diesem Brief von zwei Pfarrern von Wiesbaden (Bistum Limburg) treffen wohl auch auf unsere Diözese zu.

Hintergrund:


Pfarrer Erhard Heimburger: Goldenes Priesterjubiläum
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